Papier: 3.3.2 Internationalisierung
Originalversion
| 1 | Die digitale Vernetzung hat – im Zusammenwirken mit weiteren |
| 2 | Faktoren wie der Liberalisierung des Welthandels und der |
| 3 | Herausbildung großer regionaler Wirtschaftsblöcke –in den |
| 4 | zurückliegenden Jahren eine enorme Schubkraft für den |
| 5 | weiteren Fortschritt der ökonomischen Internationalisierung |
| 6 | entfaltet, indem sie nicht nur die zunehmend engere |
| 7 | Verflechtung ehemals national abgeschotteter Märkte |
| 8 | forcierte, sondern insbesondere auch die standortverteilte |
| 9 | Organisation arbeitsteiliger Wertschöpfung im globalen |
| 10 | Maßstab ermöglichte. Aufgrund der Verbesserung und |
| 11 | Verbilligung netzbasierter Kommunikations- und |
| 12 | Kooperationstools wurde zum einen die Bedeutung |
| 13 | geografischer Entfernungen als traditionelle Hemmnisse für |
| 14 | großräumige wirtschaftliche Aktivitäten stark relativiert – |
| 15 | ein Trend, für den schlagwortartig die These vom „death of |
| 16 | distance“ [FN: Cairncross, Frances: The death of distance. |
| 17 | How the communication revolution is changing our lives. |
| 18 | 1997, Seite folgt] steht. Zum anderen lassen die neuen |
| 19 | digitalen Techniken eine zweite große „Entbündelung“ |
| 20 | ökonomischer Prozesse zu [FN: Vgl. Baldwin, Richard: |
| 21 | Globalisation: the great unbundling(s). 2006.]: Hatte |
| 22 | bereits die erste Entbündelung – die räumliche Trennung von |
| 23 | Produktion und Konsumtion, ermöglicht durch eine massive |
| 24 | Senkung der Transportkosten seit dem 19. Jahrhundert – den |
| 25 | weltweiten Handel beflügelt, weil so die Beförderung von |
| 26 | Gütern auch über weite Distanzen wirtschaftlich darstellbar |
| 27 | wurde, so erlaubt die digital gestützte zweite Entbündelung |
| 28 | nun eine Aufspaltung und räumliche Trennung einzelner |
| 29 | Wertschöpfungsstufen voneinander über die Grenzen von |
| 30 | Staaten, Zeitzonen und Kontinenten hinweg. |
| 31 | |
| 32 | In den entgrenzten Raum-Zeit-Konstellationen digital |
| 33 | vernetzter Produktion erweitern sich auf diese Weise die |
| 34 | organisatorischen Gestaltungsoptionen von Unternehmen nicht |
| 35 | nur im betrieblichen, regionalen und nationalen Kontext, |
| 36 | sondern im globalen Maßstab: Vor allem dann, „wenn der |
| 37 | Arbeitsgegenstand digitalisierbar ist, werden die weltweiten |
| 38 | Informationsnetze zur Infrastruktur eines neuen, |
| 39 | eigenständigen ‚Raums der Produktion‘“, der „eine |
| 40 | Kooperation in bestimmten Arbeitsprozessen über räumliche |
| 41 | Distanzen und ohne zeitliche Verzögerungen ermöglicht.“ [FN: |
| 42 | Boes, Andreas/Kämpf, Tobias: Global verteilte Kopfarbeit. |
| 43 | Offshoring und der Wandel der Arbeitsbeziehungen. 2011, S. |
| 44 | 62.] Die digitale Vernetzung bildet damit die „Basis einer |
| 45 | Globalisierung 2.0“ [FN: Boes, Andreas/Kämpf, Tobias: Global |
| 46 | verteilte Kopfarbeit. Offshoring und der Wandel der |
| 47 | Arbeitsbeziehungen. 2011, S. 59.] und bahnt einer neuen |
| 48 | Geografie der Arbeit den Weg, die vorrangig durch drei |
| 49 | Entwicklungen charakterisiert ist: |
| 50 | |
| 51 | eine zunehmende internationale Beweglichkeit digital |
| 52 | vernetzter Arbeit, |
| 53 | |
| 54 | eine Herausbildung tendenziell globaler |
| 55 | Wettbewerbsverhältnisse auf (Teil-) Arbeitsmärkten und |
| 56 | |
| 57 | eine Einbindung von Erwerbstätigen in transnationale |
| 58 | Organisations- und Arbeitszusammenhänge. |
| 59 | |
| 60 | |
| 61 | |
| 62 | Internationale Beweglichkeit digital vernetzter Arbeit |
| 63 | |
| 64 | Zum ersten wird digitale Arbeit zunehmend weltweit beweglich |
| 65 | und mit vergleichsweise geringem Aufwand verlagerbar – das |
| 66 | gängige Stichwort lautet hier „Offshoring“. [FN: Vgl. |
| 67 | ausführlich zur Definition des Begriffs „Offshoring“ u. a. |
| 68 | Boes, Andreas/Schwemmle, Michael: Was ist Offshoring?. 2005, |
| 69 | S. 9-12 und OECD: Offshoring and Employment: Trends and |
| 70 | Impacts.2007, S. 15 ff.] Stand dabei zunächst vor allem die |
| 71 | Software-Produktion oder die Wartung von IT-Systemen im |
| 72 | Zentrum, so hat sich die Bandbreite global dislozierter |
| 73 | Tätigkeiten mittlerweile über den IT-Sektor hinaus deutlich |
| 74 | vergrößert und umfasst heute insbesondere eine Vielzahl von |
| 75 | „Business Process Services“ aus Bereichen wie Buchhaltung, |
| 76 | Kundenbetreuung, Reisekostenabrechnung oder |
| 77 | Finanzdienstleistungen, aber auch Arbeiten in Forschung und |
| 78 | Entwicklung. Obwohl die Motive entsprechender Aktivitäten |
| 79 | vielfältiger Art sind und sich etwa auch auf den |
| 80 | erleichterten Zugang zu Auslandsmärkten oder knappen |
| 81 | Humanressourcen erstrecken, so dominiert doch nach wie vor |
| 82 | das Ziel, auf diesem Weg Kostensenkungen zu erreichen. [FN: |
| 83 | „In the case of production of goods and services, the |
| 84 | primary motivation emerging from opinion surveys is to cut |
| 85 | costs, but not labour costs alone.“ OECD: Offshoring and |
| 86 | Employment: Trends and Impacts. 2007, S. 7. Auch eine 2010 |
| 87 | durchgeführte Unternehmensbefragung von Steria Mummert und |
| 88 | Consulting in Deutschland kommt zu dem Schluss, dass „nach |
| 89 | wie vor das Ziel, Kosten zu senken, ganz oben (steht)“ |
| 90 | (Pütter, Christiane: Offshoring ja, aber bitte auf Deutsch. |
| 91 | 2010. Abrufbar unter: |
| 92 | http://www.cio.de/knowledgecenter/outsourcing/2254078 ] |
| 93 | Offshoring wird deshalb vor allem dann zur erwägenswerten |
| 94 | Option für Unternehmen, „wenn ein etablierter |
| 95 | Produktionsstandort in einem westlichen Industrieland |
| 96 | ungünstigere Kostenstrukturen aufweist als etwa ein |
| 97 | alternativer Standort in einem weit entfernten |
| 98 | Schwellenland“. [FN: Schrader, Klaus/Laaser, |
| 99 | Claus-Friedrich: Globalisierung in der Wirtschaftskrise: Wie |
| 100 | sicher sind die Jobs in Deutschland?. 2009, S. 3.] |
| 101 | |
| 102 | Die quantitative Dimension der internationalen |
| 103 | „Delokalisierung“ von Arbeit ist – nicht zuletzt aufgrund |
| 104 | von Messproblemen und einer unzulänglichen Datenlage [FN: |
| 105 | Vgl. zu den Problemen der Messung OECD: Offshoring and |
| 106 | Employment: Trends and Impacts. 2007, S. 41ff. Die |
| 107 | unbefriedigende Datenlage dürfte nicht zuletzt auch auf eine |
| 108 | mangelnde Auskunftsbereitschaft der Beteiligten |
| 109 | zurückzuführen sein: So führt „die Suche nach deutschen |
| 110 | Offshoring-Kunden […] bei den großen indischen |
| 111 | Dienstleistern und bei vielen deutschen Anbietern meist ins |
| 112 | Leere: Die Scheu, offen über Offshoring zu kommunizieren, |
| 113 | ist nach wie vor groß.“ Hoffmann, Daniela: Heimlicher Run |
| 114 | aufs Offshoring. 2011. Abrufbar unter: |
| 115 | http://www.computerwoche.de/management/it-services/2351512 ] |
| 116 | – bislang schwer zu taxieren. Marktforschungen von |
| 117 | Technology Business Research (TBR) zufolge weisen etwa in |
| 118 | Deutschland tätige IT-Dienstleister eine durchaus relevante |
| 119 | Offshoring-Quote aus – definiert als „Anteil der Prozesse, |
| 120 | die in Ländern erledigt werden, in denen billigere Löhne |
| 121 | gezahlt werden als auf dem Heimatmarkt“. Sie soll für IBM |
| 122 | bei 51 Prozent, für Accenture bei 44 Prozent, bei Cap Gemini |
| 123 | bei 36 Prozent und bei T-Systems, einer Sparte der Deutschen |
| 124 | Telekom, bei 21 Prozent liegen. [FN: Vgl. Handelsblatt vom |
| 125 | 12. Januar 2012: T-Systems verlagert Arbeit ins Ausland. |
| 126 | Unter Verweis auf diese im Vergleich niedrige |
| 127 | Offshoring-Quote kündigte T-Systems im Januar 2012 an, „im |
| 128 | Rahmen eines Kostensenkungsplans mehr Arbeit ins Ausland |
| 129 | verlagern“ zu wollen. Handelsblatt, ebd.] |
| 130 | |
| 131 | Auf Datennetzen prinzipiell verlagerbar dürften insbesondere |
| 132 | solche Tätigkeiten sein, die einer OECD-Analyse zufolge [FN: |
| 133 | Vgl. OECD: Potential Offshoring of ICT-intensive using |
| 134 | Occupations. 2005, S. 12.] nachfolgende Kriterien aufweisen: |
| 135 | intensive IT-Nutzung, |
| 136 | telekommunikative Übermittelbarkeit der Arbeitsergebnisse, |
| 137 | hohe Anteile an kodifiziertem Wissen bei niedrigen |
| 138 | Anteilen an implizitem oder Erfahrungswissen, |
| 139 | fehlende beziehungsweise geringe Erfordernis von |
| 140 | Face-to-Face-Kontakten. |
| 141 | |
| 142 | Darauf basierend schätzten OECD-Experten den Anteil |
| 143 | potenziell dislozierbarer Jobs in den EU15-Ländern, den USA, |
| 144 | Kanada und Australien für das Jahr 2003 auf annähernd 20 |
| 145 | Prozent aller Beschäftigten. [FN: Vgl. OECD: Potential |
| 146 | Offshoring of ICT-intensive using Occupations. 2005, S. 22.] |
| 147 | Für Deutschland machen die Ergebnisse einer zu einem |
| 148 | späteren Zeitpunkt durchgeführten Studie des Kieler |
| 149 | Instituts für Weltwirtschaft über die „Offshorability“ |
| 150 | hiesiger Arbeitsplätze ein noch größeres Potenzial deutlich: |
| 151 | Nach Maßgabe der Kriterien der (Nicht-)Ortsgebundenheit und |
| 152 | der (Nicht-)Notwendigkeit eines persönlichen Kundenkontakts |
| 153 | bei der jeweils erforderlichen Leistungserstellung kommt |
| 154 | diese zu dem Schluss, dass insgesamt rund 42 Prozent der |
| 155 | Jobs von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ins |
| 156 | Ausland verlagerbar seien, darin eingeschlossen sind 11 |
| 157 | Prozent, die sogar als „leicht verlagerbar“ zu gelten |
| 158 | hätten. [FN: Vgl. Schrader, Klaus/Laaser, Claus-Friedrich: |
| 159 | Globalisierung in der Wirtschaftskrise: Wie sicher sind die |
| 160 | Jobs in Deutschland?. 2009, S. 8.] Auch wenn diese Daten nur |
| 161 | eine theoretische Größenordnung beschreiben mögen, so lassen |
| 162 | sie doch den erheblichen Spielraum erkennen, über den |
| 163 | Unternehmen hier prinzipiell verfügen könnten. |
| 164 | |
| 165 | Einer neueren Prognose der Hackett Group [FN: Vgl. Hackett |
| 166 | Group: New Hackett Research Forecasts Offshoring of 750.000 |
| 167 | more Jobs in Finance, IT, other Key Business Services Areas |
| 168 | by 2016. 2012. Abrufbar unter: |
| 169 | http://www.thehackettgroup.com/about/research-alerts-press-r |
| 170 | eleases/2012/03272012-hackett-research-forecasts-offshoring. |
| 171 | jsp] zufolge, die auf der Befragung von 4.700 europäischen |
| 172 | und US-amerikanischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von |
| 173 | über einer Milliarde US-Dollar basierte, werden bis zum Jahr |
| 174 | 2016 – ausgehend von 2001 – insgesamt rund 2,3 Millionen |
| 175 | Jobs aus den Bereichen IT, Finanzdienstleistungen, |
| 176 | Beschaffungs- und Personalwesen in Niedriglohnländer |
| 177 | verlagert worden sein. Dies entspreche einem Anteil von rund |
| 178 | einem Drittel der Gesamtbeschäftigung in diesen |
| 179 | Tätigkeitsfeldern. Ab 2014 könne sich der Offshoring-Trend |
| 180 | jedoch verlangsamen und innerhalb von acht bis zehn Jahren |
| 181 | seinen Einfluss als Hauptursache für den Abbau von |
| 182 | Dienstleistungsarbeitsplätzen in den Industrieländern |
| 183 | einbüßen – vor allem deshalb, weil dann keine |
| 184 | verlagerungsgeeigneten Jobs mehr übrig seien. |
| 185 | |
| 186 | |
| 187 | |
| 188 | |
| 189 | Globale Wettbewerbsverhältnisse auf (Teil-)Arbeitsmärkten |
| 190 | |
| 191 | Zum zweiten entstehen im Zuge der digitalen Transformation |
| 192 | tendenziell globale Wettbewerbsverhältnisse auf |
| 193 | (Teil-)Arbeitsmärkten – und dies sowohl nachfrage- wie |
| 194 | angebotsseitig: Ist die Option der Verlagerbarkeit von |
| 195 | Tätigkeiten real gegeben, so wird das hierfür jeweils |
| 196 | verfügbare Arbeitskräftepotenzial größer und „im |
| 197 | ‚entfernungslosen’ Raum informationstechnologisch |
| 198 | herstellbarer Nähe konkurrieren von nun an potenziell alle |
| 199 | mit allen Orten der Welt um […] entsprechende Arbeitsplätze“ |
| 200 | [FN: Beck, Ulrich: Wie wird Demokratie im Zeitalter der |
| 201 | Globalisierung möglich? Eine Einleitung. 1998, S. 21. |
| 202 | ]. Da dieser Wettbewerb im weltweiten Maßstab noch immer von |
| 203 | zum Teil ausgeprägten Asymmetrien geprägt ist – etwa was |
| 204 | Lohnniveau, arbeitsrechtliche Normen oder gewerkschaftliche |
| 205 | Organisationsmacht anbetrifft –, können die in den |
| 206 | westlichen Industrieländern erreichten Standards auf diesem |
| 207 | Weg unter erheblichen Druck geraten. Die Erweiterung des |
| 208 | Standortrepertoires der Unternehmensleitungen verschafft |
| 209 | diesen zusätzliche „Exit-Optionen“ und verbessert damit |
| 210 | deren Verhandlungsposition, da ihre „transnationale |
| 211 | Entzugsmacht [...] der Organisationsmacht von Staaten und |
| 212 | Gewerkschaften überlegen (ist), weil sie nicht mehr, wie |
| 213 | diese, territorial gebunden ist“ [FN: Beck, Ulrich: Wie wird |
| 214 | Demokratie im Zeitalter der Globalisierung möglich? Eine |
| 215 | Einleitung. 1998, S. 18. |
| 216 | ]. Auch im relativ hoch entwickelten deutschen |
| 217 | Mitbestimmungssystem verfügen betriebliche |
| 218 | Interessenvertretungen bei Konflikten um die Verlagerung von |
| 219 | Arbeitsplätzen gegenwärtig nur über sehr begrenzte |
| 220 | Einflussmöglichkeiten, mit denen sie letztlich „weder den |
| 221 | Übergang des Betriebes noch den Verlust des Arbeitsplatzes |
| 222 | verhindern, sondern allenfalls nachteilige Folgen für den |
| 223 | Arbeitnehmer abschwächen“ können [FN: Pesch, Benjamin: |
| 224 | Offshoring – Welche arbeitsrechtlichen Rechtsfolgen hat ein |
| 225 | grenzüberschreitender Betriebsübergang?. 2012, S. 121.]. |
| 226 | |
| 227 | Arbeitgeber wissen weltweit von diesem strategischen Vorteil |
| 228 | Gebrauch zu machen: Einer Einschätzung des bei der OECD |
| 229 | angesiedelten Trade Union Advisory Committee zufolge ist der |
| 230 | Rückgriff auf die Exit-Drohung in Verhandlungen und |
| 231 | Konfliktsituationen international längst zum gängigen |
| 232 | unternehmerischen Druckmittel geworden. [FN: „The threat of |
| 233 | relocation to an offshore site is now the standard ploy in |
| 234 | negotiations or in anti-union campaigns [...]” TUAC: Trade, |
| 235 | Offshoring of Jobs and Structural Adjustment – The Need for |
| 236 | a Policy Response. 2004, S. 3.] Ob diese Karte letztlich |
| 237 | real ausgespielt wird, ist dabei oft noch nicht einmal von |
| 238 | ausschlaggebender Bedeutung. Häufig zeitigt allein schon die |
| 239 | bloße „Wirklichkeit der Möglichkeit“ [FN: Beck, Ulrich: Wie |
| 240 | wird Demokratie im Zeitalter der Globalisierung möglich? |
| 241 | Eine Einleitung. 1998, S. 23.] von Jobverlagerungen reale |
| 242 | Effekte, indem sie „mäßigend“ auf Beschäftigte, Betriebsräte |
| 243 | und Gewerkschaften wirkt. Auf diesen Tatbestand und seine |
| 244 | Konsequenzen hat u. a. eine von der Deutschen |
| 245 | Bischofskonferenz beauftragte Wissenschaftlergruppe |
| 246 | nachdrücklich aufmerksam gemacht: „Neben den positiven und |
| 247 | negativen Effekten auf die Zahl der Arbeitsplätze ist davon |
| 248 | auszugehen, dass sich das Offshoring – insbesondere die |
| 249 | Drohung mit ihm – auch auf die Arbeitsbedingungen in den |
| 250 | Industrieländern auswirkt. Die Option, Arbeitsplätze ins |
| 251 | Ausland zu verlagern, stärkt offensichtlich die Position der |
| 252 | Unternehmensführungen in ihren Verhandlungen mit den |
| 253 | Arbeitnehmervertretern der bereits bestehenden Büros und |
| 254 | Betriebsstätten ganz erheblich. Letztere sehen sich durch |
| 255 | die Offshoring-Pläne der Vorstände immer wieder vor die Wahl |
| 256 | zwischen zwei Übeln gestellt: zwischen dem Übel des |
| 257 | Verlustes vieler Arbeitsplätze und dem Übel, |
| 258 | Verschlechterungen bei den Arbeitsbedingungen, insbesondere |
| 259 | Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen hinzunehmen. |
| 260 | Selbst dann, wenn ein Industrieland vermutlich bisher kaum |
| 261 | Arbeitsplätze durch Verlagerungen in Entwicklungs- oder |
| 262 | Transformationsländern verloren hat, bedeutet dies also |
| 263 | nicht, dass das Offshoring-Phänomen die wirtschaftliche und |
| 264 | soziale Entwicklung dieses Industrielandes nicht stark |
| 265 | beeinflusst hätte.“ [FN: Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für |
| 266 | weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz |
| 267 | (Hrsg.): Verlagerung von Arbeitsplätzen – |
| 268 | Entwicklungschancen und Menschenwürde. Sozialethische |
| 269 | Überlegungen. 2008, S. 40.] |
| 270 | |
| 271 | |
| 272 | |
| 273 | |
| 274 | Transnationale Organisations- und Arbeitszusammenhänge |
| 275 | |
| 276 | Ein dritter, sich auf der Basis digitaler Vernetzung |
| 277 | herausbildender Veränderungstrend ist die verstärkte |
| 278 | Einbindung von Erwerbstätigen in grenzüberschreitende |
| 279 | Wertschöpfungsverbünde und transnationale Organisations- und |
| 280 | Arbeitszusammenhänge. Als besonders avanciert und prominent |
| 281 | kann hier vor allem die globale Softwareentwicklung durch |
| 282 | weltweit verteilte Teams gelten. Weitere Erscheinungsformen |
| 283 | sind Kooperationen zwischen standortverteilten |
| 284 | Funktionseinheiten von Konzernen, die etwa ihre Buchhaltung |
| 285 | oder andere „shared services“ im Ausland angesiedelt haben. |
| 286 | Solche Konstellationen verbinden sich nicht nur mit |
| 287 | koordinativen Herausforderungen für das jeweilige |
| 288 | Management, sondern auch mit neuen Problemstellungen für die |
| 289 | betroffenen Beschäftigten, die vor allem deren |
| 290 | Qualifikation, Arbeitszeiten und arbeitsrechtliche Situation |
| 291 | berühren: |
| 292 | |
| 293 | Qualifikation: Mit der Arbeit in globalen Bezügen |
| 294 | verändern sich grundlegende Anforderungen an die beruflichen |
| 295 | Kompetenzen, die sich primär auf häufig neu zu erwerbende |
| 296 | sprachliche, interkulturelle und technische Fähigkeiten |
| 297 | beziehen. Es geht dabei aber auch im weiteren Sinne „um eine |
| 298 | echte strategische Neueinstellung: die Mitarbeiter sehr |
| 299 | grundlegend zu befähigen, sich auf die neue Phase der |
| 300 | Globalisierung einzulassen; sie in die Lage zu versetzen, |
| 301 | sich produktiv und ‚in erster Person‘ in die Umbruchprozesse |
| 302 | einzubringen“. [FN: Boes, Andreas/Baukrowitz, Andrea/Kämpf, |
| 303 | Tobias/Marrs, Kira: Eine global vernetzte Ökonomie braucht |
| 304 | die Menschen. Strategische Herausforderungen für Arbeit und |
| 305 | Qualifikation. 2011, S. 17. Abrufbar unter: |
| 306 | http://www.isf-muenchen.de/pdf/2011-boes-baukrowitz-kaempf-m |
| 307 | arrs-eine-global-vernetzte-oekonomie.pdf ] |
| 308 | |
| 309 | Arbeitszeiten: Häufig wird in internationalen |
| 310 | Arbeitszusammenhängen über Zeitzonen hinweg und nicht selten |
| 311 | sogar in rund um die Uhr laufenden |
| 312 | „Follow-the-sun-workflows“ kooperiert. Beschäftigte sehen |
| 313 | sich unter diesen Voraussetzungen häufig mit der |
| 314 | Notwendigkeit ungewöhnlicher Arbeits- und Präsenzzeiten – |
| 315 | spät in der Nacht, früh am Morgen – und mit zeitlich |
| 316 | zunehmend ausgedehnten Verfügbarkeitserwartungen |
| 317 | konfrontiert. Die daraus resultierenden Beanspruchungen |
| 318 | können auf längere Sicht zu einer Gefährdung der Gesundheit |
| 319 | und einer Beeinträchtigung der Work-Life-Balance der |
| 320 | Betroffenen führen. [FN: Vgl. hierzu ausführlich im |
| 321 | Abschnitt 3.3.4 Gesundes Arbeiten.] |
| 322 | |
| 323 | Arbeitsrechtliche Situation: Viele Gestaltungsvarianten |
| 324 | international vernetzter Wertschöpfung zeichnen sich auf der |
| 325 | rechtlichen Ebene dadurch aus, dass die in Deutschland |
| 326 | Beschäftigten sowie ihre Betriebsräte mit Arbeitssituationen |
| 327 | konfrontiert werden, die durch betriebswirtschaftlich |
| 328 | optimale Konzepte der Arbeitserbringung geprägt sind, nicht |
| 329 | jedoch durch das national geltende Arbeitsrecht. Dies führt |
| 330 | beispielsweise dazu, dass Beschäftigte ihre Arbeitsaufträge |
| 331 | von Personen oder Stellen erhalten, die organisatorisch |
| 332 | außerhalb ihres Betriebs oder Unternehmens angesiedelt sind |
| 333 | und geografisch außerhalb der Bundesrepublik Deutschland |
| 334 | beziehungsweise der Europäischen Union. In einer steigenden |
| 335 | Zahl von Fällen lässt sich in solchen Strukturen keine klare |
| 336 | zivilrechtliche Beziehung zwischen Arbeitnehmern und ihren |
| 337 | funktionalen Vorgesetzten mehr erkennen. Dies verweist auf |
| 338 | das generelle Problem, dass das arbeitsrechtliche Modell |
| 339 | durch das Territorialitätsprinzip auf das Hoheitsgebiet der |
| 340 | Bundesrepublik Deutschland begrenzt ist. Grenzüberschreitend |
| 341 | kommen einzelne nationale Gesetzesvorschriften nur |
| 342 | ausnahmsweise zur Anwendung, beispielsweise dann, wenn auf |
| 343 | der Basis von Arbeitsverträgen nach deutschem Recht |
| 344 | beschäftigte Personen im Ausland tätig werden. Die begrenzte |
| 345 | Reichweite des deutschen Arbeitsrechts wird schon im |
| 346 | europäischen Rechtsraum nicht durch adäquate EU-Regelungen |
| 347 | substituiert. Im weltweiten Rahmen gibt es flächendeckend |
| 348 | keine arbeitsrechtlichen Vorgaben, die den deutschen |
| 349 | Rechtsstandard adäquat abbilden. |
| 350 | |
| 351 | Die Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung, wie |
| 352 | sie auf der Basis globaler digitaler Vernetzung in neuer |
| 353 | Qualität möglich geworden ist, kann per Saldo zu bedeutsamen |
| 354 | Wohlfahrtsgewinnen – sowohl in den entwickelten |
| 355 | Industrieländern als auch in Schwellen- und |
| 356 | Entwicklungsländern – führen. Zugleich resultieren aus |
| 357 | dieser Entwicklung Herausforderungen auf Handlungsfeldern |
| 358 | wie dem Arbeitsrecht, den internationalen Arbeits- und |
| 359 | Sozialstandards, der Qualifizierung oder auch der |
| 360 | Arbeitsgestaltung, die es politisch anzugehen gilt, um |
| 361 | Ängste und Verunsicherungen von Beschäftigten glaubwürdig |
| 362 | eindämmen und die fortschreitende Globalisierung nachhaltig |
| 363 | auf einen möglichst breiten Konsens stützen zu können. |
Der Text verglichen mit der Originalversion
| 1 | Die digitale Vernetzung hat – im Zusammenwirken mit weiteren |
| 2 | Faktoren wie der Liberalisierung des Welthandels und der |
| 3 | Herausbildung großer regionaler Wirtschaftsblöcke –in den |
| 4 | zurückliegenden Jahren eine enorme Schubkraft für den |
| 5 | weiteren Fortschritt der ökonomischen Internationalisierung |
| 6 | entfaltet, indem sie nicht nur die zunehmend engere |
| 7 | Verflechtung ehemals national abgeschotteter Märkte |
| 8 | forcierte, sondern insbesondere auch die standortverteilte |
| 9 | Organisation arbeitsteiliger Wertschöpfung im globalen |
| 10 | Maßstab ermöglichte. Aufgrund der Verbesserung und |
| 11 | Verbilligung netzbasierter Kommunikations- und |
| 12 | Kooperationstools wurde zum einen die Bedeutung |
| 13 | geografischer Entfernungen als traditionelle Hemmnisse für |
| 14 | großräumige wirtschaftliche Aktivitäten stark relativiert – |
| 15 | ein Trend, für den schlagwortartig die These vom „death of |
| 16 | distance“ [FN: Cairncross, Frances: The death of distance. |
| 17 | How the communication revolution is changing our lives. |
| 18 | 1997, Seite folgt] steht. Zum anderen lassen die neuen |
| 19 | digitalen Techniken eine zweite große „Entbündelung“ |
| 20 | ökonomischer Prozesse zu [FN: Vgl. Baldwin, Richard: |
| 21 | Globalisation: the great unbundling(s). 2006.]: Hatte |
| 22 | bereits die erste Entbündelung – die räumliche Trennung von |
| 23 | Produktion und Konsumtion, ermöglicht durch eine massive |
| 24 | Senkung der Transportkosten seit dem 19. Jahrhundert – den |
| 25 | weltweiten Handel beflügelt, weil so die Beförderung von |
| 26 | Gütern auch über weite Distanzen wirtschaftlich darstellbar |
| 27 | wurde, so erlaubt die digital gestützte zweite Entbündelung |
| 28 | nun eine Aufspaltung und räumliche Trennung einzelner |
| 29 | Wertschöpfungsstufen voneinander über die Grenzen von |
| 30 | Staaten, Zeitzonen und Kontinenten hinweg. |
| 31 | |
| 32 | In den entgrenzten Raum-Zeit-Konstellationen digital |
| 33 | vernetzter Produktion erweitern sich auf diese Weise die |
| 34 | organisatorischen Gestaltungsoptionen von Unternehmen nicht |
| 35 | nur im betrieblichen, regionalen und nationalen Kontext, |
| 36 | sondern im globalen Maßstab: Vor allem dann, „wenn der |
| 37 | Arbeitsgegenstand digitalisierbar ist, werden die weltweiten |
| 38 | Informationsnetze zur Infrastruktur eines neuen, |
| 39 | eigenständigen ‚Raums der Produktion‘“, der „eine |
| 40 | Kooperation in bestimmten Arbeitsprozessen über räumliche |
| 41 | Distanzen und ohne zeitliche Verzögerungen ermöglicht.“ [FN: |
| 42 | Boes, Andreas/Kämpf, Tobias: Global verteilte Kopfarbeit. |
| 43 | Offshoring und der Wandel der Arbeitsbeziehungen. 2011, S. |
| 44 | 62.] Die digitale Vernetzung bildet damit die „Basis einer |
| 45 | Globalisierung 2.0“ [FN: Boes, Andreas/Kämpf, Tobias: Global |
| 46 | verteilte Kopfarbeit. Offshoring und der Wandel der |
| 47 | Arbeitsbeziehungen. 2011, S. 59.] und bahnt einer neuen |
| 48 | Geografie der Arbeit den Weg, die vorrangig durch drei |
| 49 | Entwicklungen charakterisiert ist: |
| 50 | |
| 51 | eine zunehmende internationale Beweglichkeit digital |
| 52 | vernetzter Arbeit, |
| 53 | |
| 54 | eine Herausbildung tendenziell globaler |
| 55 | Wettbewerbsverhältnisse auf (Teil-) Arbeitsmärkten und |
| 56 | |
| 57 | eine Einbindung von Erwerbstätigen in transnationale |
| 58 | Organisations- und Arbeitszusammenhänge. |
| 59 | |
| 60 | |
| 61 | |
| 62 | Internationale Beweglichkeit digital vernetzter Arbeit |
| 63 | |
| 64 | Zum ersten wird digitale Arbeit zunehmend weltweit beweglich |
| 65 | und mit vergleichsweise geringem Aufwand verlagerbar – das |
| 66 | gängige Stichwort lautet hier „Offshoring“. [FN: Vgl. |
| 67 | ausführlich zur Definition des Begriffs „Offshoring“ u. a. |
| 68 | Boes, Andreas/Schwemmle, Michael: Was ist Offshoring?. 2005, |
| 69 | S. 9-12 und OECD: Offshoring and Employment: Trends and |
| 70 | Impacts.2007, S. 15 ff.] Stand dabei zunächst vor allem die |
| 71 | Software-Produktion oder die Wartung von IT-Systemen im |
| 72 | Zentrum, so hat sich die Bandbreite global dislozierter |
| 73 | Tätigkeiten mittlerweile über den IT-Sektor hinaus deutlich |
| 74 | vergrößert und umfasst heute insbesondere eine Vielzahl von |
| 75 | „Business Process Services“ aus Bereichen wie Buchhaltung, |
| 76 | Kundenbetreuung, Reisekostenabrechnung oder |
| 77 | Finanzdienstleistungen, aber auch Arbeiten in Forschung und |
| 78 | Entwicklung. Obwohl die Motive entsprechender Aktivitäten |
| 79 | vielfältiger Art sind und sich etwa auch auf den |
| 80 | erleichterten Zugang zu Auslandsmärkten oder knappen |
| 81 | Humanressourcen erstrecken, so dominiert doch nach wie vor |
| 82 | das Ziel, auf diesem Weg Kostensenkungen zu erreichen. [FN: |
| 83 | „In the case of production of goods and services, the |
| 84 | primary motivation emerging from opinion surveys is to cut |
| 85 | costs, but not labour costs alone.“ OECD: Offshoring and |
| 86 | Employment: Trends and Impacts. 2007, S. 7. Auch eine 2010 |
| 87 | durchgeführte Unternehmensbefragung von Steria Mummert und |
| 88 | Consulting in Deutschland kommt zu dem Schluss, dass „nach |
| 89 | wie vor das Ziel, Kosten zu senken, ganz oben (steht)“ |
| 90 | (Pütter, Christiane: Offshoring ja, aber bitte auf Deutsch. |
| 91 | 2010. Abrufbar unter: |
| 92 | http://www.cio.de/knowledgecenter/outsourcing/2254078 ] |
| 93 | Offshoring wird deshalb vor allem dann zur erwägenswerten |
| 94 | Option für Unternehmen, „wenn ein etablierter |
| 95 | Produktionsstandort in einem westlichen Industrieland |
| 96 | ungünstigere Kostenstrukturen aufweist als etwa ein |
| 97 | alternativer Standort in einem weit entfernten |
| 98 | Schwellenland“. [FN: Schrader, Klaus/Laaser, |
| 99 | Claus-Friedrich: Globalisierung in der Wirtschaftskrise: Wie |
| 100 | sicher sind die Jobs in Deutschland?. 2009, S. 3.] |
| 101 | |
| 102 | Die quantitative Dimension der internationalen |
| 103 | „Delokalisierung“ von Arbeit ist – nicht zuletzt aufgrund |
| 104 | von Messproblemen und einer unzulänglichen Datenlage [FN: |
| 105 | Vgl. zu den Problemen der Messung OECD: Offshoring and |
| 106 | Employment: Trends and Impacts. 2007, S. 41ff. Die |
| 107 | unbefriedigende Datenlage dürfte nicht zuletzt auch auf eine |
| 108 | mangelnde Auskunftsbereitschaft der Beteiligten |
| 109 | zurückzuführen sein: So führt „die Suche nach deutschen |
| 110 | Offshoring-Kunden […] bei den großen indischen |
| 111 | Dienstleistern und bei vielen deutschen Anbietern meist ins |
| 112 | Leere: Die Scheu, offen über Offshoring zu kommunizieren, |
| 113 | ist nach wie vor groß.“ Hoffmann, Daniela: Heimlicher Run |
| 114 | aufs Offshoring. 2011. Abrufbar unter: |
| 115 | http://www.computerwoche.de/management/it-services/2351512 ] |
| 116 | – bislang schwer zu taxieren. Marktforschungen von |
| 117 | Technology Business Research (TBR) zufolge weisen etwa in |
| 118 | Deutschland tätige IT-Dienstleister eine durchaus relevante |
| 119 | Offshoring-Quote aus – definiert als „Anteil der Prozesse, |
| 120 | die in Ländern erledigt werden, in denen billigere Löhne |
| 121 | gezahlt werden als auf dem Heimatmarkt“. Sie soll für IBM |
| 122 | bei 51 Prozent, für Accenture bei 44 Prozent, bei Cap Gemini |
| 123 | bei 36 Prozent und bei T-Systems, einer Sparte der Deutschen |
| 124 | Telekom, bei 21 Prozent liegen. [FN: Vgl. Handelsblatt vom |
| 125 | 12. Januar 2012: T-Systems verlagert Arbeit ins Ausland. |
| 126 | Unter Verweis auf diese im Vergleich niedrige |
| 127 | Offshoring-Quote kündigte T-Systems im Januar 2012 an, „im |
| 128 | Rahmen eines Kostensenkungsplans mehr Arbeit ins Ausland |
| 129 | verlagern“ zu wollen. Handelsblatt, ebd.] |
| 130 | |
| 131 | Auf Datennetzen prinzipiell verlagerbar dürften insbesondere |
| 132 | solche Tätigkeiten sein, die einer OECD-Analyse zufolge [FN: |
| 133 | Vgl. OECD: Potential Offshoring of ICT-intensive using |
| 134 | Occupations. 2005, S. 12.] nachfolgende Kriterien aufweisen: |
| 135 | intensive IT-Nutzung, |
| 136 | telekommunikative Übermittelbarkeit der Arbeitsergebnisse, |
| 137 | hohe Anteile an kodifiziertem Wissen bei niedrigen |
| 138 | Anteilen an implizitem oder Erfahrungswissen, |
| 139 | fehlende beziehungsweise geringe Erfordernis von |
| 140 | Face-to-Face-Kontakten. |
| 141 | |
| 142 | Darauf basierend schätzten OECD-Experten den Anteil |
| 143 | potenziell dislozierbarer Jobs in den EU15-Ländern, den USA, |
| 144 | Kanada und Australien für das Jahr 2003 auf annähernd 20 |
| 145 | Prozent aller Beschäftigten. [FN: Vgl. OECD: Potential |
| 146 | Offshoring of ICT-intensive using Occupations. 2005, S. 22.] |
| 147 | Für Deutschland machen die Ergebnisse einer zu einem |
| 148 | späteren Zeitpunkt durchgeführten Studie des Kieler |
| 149 | Instituts für Weltwirtschaft über die „Offshorability“ |
| 150 | hiesiger Arbeitsplätze ein noch größeres Potenzial deutlich: |
| 151 | Nach Maßgabe der Kriterien der (Nicht-)Ortsgebundenheit und |
| 152 | der (Nicht-)Notwendigkeit eines persönlichen Kundenkontakts |
| 153 | bei der jeweils erforderlichen Leistungserstellung kommt |
| 154 | diese zu dem Schluss, dass insgesamt rund 42 Prozent der |
| 155 | Jobs von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ins |
| 156 | Ausland verlagerbar seien, darin eingeschlossen sind 11 |
| 157 | Prozent, die sogar als „leicht verlagerbar“ zu gelten |
| 158 | hätten. [FN: Vgl. Schrader, Klaus/Laaser, Claus-Friedrich: |
| 159 | Globalisierung in der Wirtschaftskrise: Wie sicher sind die |
| 160 | Jobs in Deutschland?. 2009, S. 8.] Auch wenn diese Daten nur |
| 161 | eine theoretische Größenordnung beschreiben mögen, so lassen |
| 162 | sie doch den erheblichen Spielraum erkennen, über den |
| 163 | Unternehmen hier prinzipiell verfügen könnten. |
| 164 | |
| 165 | Einer neueren Prognose der Hackett Group [FN: Vgl. Hackett |
| 166 | Group: New Hackett Research Forecasts Offshoring of 750.000 |
| 167 | more Jobs in Finance, IT, other Key Business Services Areas |
| 168 | by 2016. 2012. Abrufbar unter: |
| 169 | http://www.thehackettgroup.com/about/research-alerts-press-r |
| 170 | eleases/2012/03272012-hackett-research-forecasts-offshoring. |
| 171 | jsp] zufolge, die auf der Befragung von 4.700 europäischen |
| 172 | und US-amerikanischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von |
| 173 | über einer Milliarde US-Dollar basierte, werden bis zum Jahr |
| 174 | 2016 – ausgehend von 2001 – insgesamt rund 2,3 Millionen |
| 175 | Jobs aus den Bereichen IT, Finanzdienstleistungen, |
| 176 | Beschaffungs- und Personalwesen in Niedriglohnländer |
| 177 | verlagert worden sein. Dies entspreche einem Anteil von rund |
| 178 | einem Drittel der Gesamtbeschäftigung in diesen |
| 179 | Tätigkeitsfeldern. Ab 2014 könne sich der Offshoring-Trend |
| 180 | jedoch verlangsamen und innerhalb von acht bis zehn Jahren |
| 181 | seinen Einfluss als Hauptursache für den Abbau von |
| 182 | Dienstleistungsarbeitsplätzen in den Industrieländern |
| 183 | einbüßen – vor allem deshalb, weil dann keine |
| 184 | verlagerungsgeeigneten Jobs mehr übrig seien. |
| 185 | |
| 186 | |
| 187 | |
| 188 | |
| 189 | Globale Wettbewerbsverhältnisse auf (Teil-)Arbeitsmärkten |
| 190 | |
| 191 | Zum zweiten entstehen im Zuge der digitalen Transformation |
| 192 | tendenziell globale Wettbewerbsverhältnisse auf |
| 193 | (Teil-)Arbeitsmärkten – und dies sowohl nachfrage- wie |
| 194 | angebotsseitig: Ist die Option der Verlagerbarkeit von |
| 195 | Tätigkeiten real gegeben, so wird das hierfür jeweils |
| 196 | verfügbare Arbeitskräftepotenzial größer und „im |
| 197 | ‚entfernungslosen’ Raum informationstechnologisch |
| 198 | herstellbarer Nähe konkurrieren von nun an potenziell alle |
| 199 | mit allen Orten der Welt um […] entsprechende Arbeitsplätze“ |
| 200 | [FN: Beck, Ulrich: Wie wird Demokratie im Zeitalter der |
| 201 | Globalisierung möglich? Eine Einleitung. 1998, S. 21. |
| 202 | ]. Da dieser Wettbewerb im weltweiten Maßstab noch immer von |
| 203 | zum Teil ausgeprägten Asymmetrien geprägt ist – etwa was |
| 204 | Lohnniveau, arbeitsrechtliche Normen oder gewerkschaftliche |
| 205 | Organisationsmacht anbetrifft –, können die in den |
| 206 | westlichen Industrieländern erreichten Standards auf diesem |
| 207 | Weg unter erheblichen Druck geraten. Die Erweiterung des |
| 208 | Standortrepertoires der Unternehmensleitungen verschafft |
| 209 | diesen zusätzliche „Exit-Optionen“ und verbessert damit |
| 210 | deren Verhandlungsposition, da ihre „transnationale |
| 211 | Entzugsmacht [...] der Organisationsmacht von Staaten und |
| 212 | Gewerkschaften überlegen (ist), weil sie nicht mehr, wie |
| 213 | diese, territorial gebunden ist“ [FN: Beck, Ulrich: Wie wird |
| 214 | Demokratie im Zeitalter der Globalisierung möglich? Eine |
| 215 | Einleitung. 1998, S. 18. |
| 216 | ]. Auch im relativ hoch entwickelten deutschen |
| 217 | Mitbestimmungssystem verfügen betriebliche |
| 218 | Interessenvertretungen bei Konflikten um die Verlagerung von |
| 219 | Arbeitsplätzen gegenwärtig nur über sehr begrenzte |
| 220 | Einflussmöglichkeiten, mit denen sie letztlich „weder den |
| 221 | Übergang des Betriebes noch den Verlust des Arbeitsplatzes |
| 222 | verhindern, sondern allenfalls nachteilige Folgen für den |
| 223 | Arbeitnehmer abschwächen“ können [FN: Pesch, Benjamin: |
| 224 | Offshoring – Welche arbeitsrechtlichen Rechtsfolgen hat ein |
| 225 | grenzüberschreitender Betriebsübergang?. 2012, S. 121.]. |
| 226 | |
| 227 | Arbeitgeber wissen weltweit von diesem strategischen Vorteil |
| 228 | Gebrauch zu machen: Einer Einschätzung des bei der OECD |
| 229 | angesiedelten Trade Union Advisory Committee zufolge ist der |
| 230 | Rückgriff auf die Exit-Drohung in Verhandlungen und |
| 231 | Konfliktsituationen international längst zum gängigen |
| 232 | unternehmerischen Druckmittel geworden. [FN: „The threat of |
| 233 | relocation to an offshore site is now the standard ploy in |
| 234 | negotiations or in anti-union campaigns [...]” TUAC: Trade, |
| 235 | Offshoring of Jobs and Structural Adjustment – The Need for |
| 236 | a Policy Response. 2004, S. 3.] Ob diese Karte letztlich |
| 237 | real ausgespielt wird, ist dabei oft noch nicht einmal von |
| 238 | ausschlaggebender Bedeutung. Häufig zeitigt allein schon die |
| 239 | bloße „Wirklichkeit der Möglichkeit“ [FN: Beck, Ulrich: Wie |
| 240 | wird Demokratie im Zeitalter der Globalisierung möglich? |
| 241 | Eine Einleitung. 1998, S. 23.] von Jobverlagerungen reale |
| 242 | Effekte, indem sie „mäßigend“ auf Beschäftigte, Betriebsräte |
| 243 | und Gewerkschaften wirkt. Auf diesen Tatbestand und seine |
| 244 | Konsequenzen hat u. a. eine von der Deutschen |
| 245 | Bischofskonferenz beauftragte Wissenschaftlergruppe |
| 246 | nachdrücklich aufmerksam gemacht: „Neben den positiven und |
| 247 | negativen Effekten auf die Zahl der Arbeitsplätze ist davon |
| 248 | auszugehen, dass sich das Offshoring – insbesondere die |
| 249 | Drohung mit ihm – auch auf die Arbeitsbedingungen in den |
| 250 | Industrieländern auswirkt. Die Option, Arbeitsplätze ins |
| 251 | Ausland zu verlagern, stärkt offensichtlich die Position der |
| 252 | Unternehmensführungen in ihren Verhandlungen mit den |
| 253 | Arbeitnehmervertretern der bereits bestehenden Büros und |
| 254 | Betriebsstätten ganz erheblich. Letztere sehen sich durch |
| 255 | die Offshoring-Pläne der Vorstände immer wieder vor die Wahl |
| 256 | zwischen zwei Übeln gestellt: zwischen dem Übel des |
| 257 | Verlustes vieler Arbeitsplätze und dem Übel, |
| 258 | Verschlechterungen bei den Arbeitsbedingungen, insbesondere |
| 259 | Lohnkürzungen und Arbeitszeitverlängerungen hinzunehmen. |
| 260 | Selbst dann, wenn ein Industrieland vermutlich bisher kaum |
| 261 | Arbeitsplätze durch Verlagerungen in Entwicklungs- oder |
| 262 | Transformationsländern verloren hat, bedeutet dies also |
| 263 | nicht, dass das Offshoring-Phänomen die wirtschaftliche und |
| 264 | soziale Entwicklung dieses Industrielandes nicht stark |
| 265 | beeinflusst hätte.“ [FN: Wissenschaftliche Arbeitsgruppe für |
| 266 | weltkirchliche Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz |
| 267 | (Hrsg.): Verlagerung von Arbeitsplätzen – |
| 268 | Entwicklungschancen und Menschenwürde. Sozialethische |
| 269 | Überlegungen. 2008, S. 40.] |
| 270 | |
| 271 | |
| 272 | |
| 273 | |
| 274 | Transnationale Organisations- und Arbeitszusammenhänge |
| 275 | |
| 276 | Ein dritter, sich auf der Basis digitaler Vernetzung |
| 277 | herausbildender Veränderungstrend ist die verstärkte |
| 278 | Einbindung von Erwerbstätigen in grenzüberschreitende |
| 279 | Wertschöpfungsverbünde und transnationale Organisations- und |
| 280 | Arbeitszusammenhänge. Als besonders avanciert und prominent |
| 281 | kann hier vor allem die globale Softwareentwicklung durch |
| 282 | weltweit verteilte Teams gelten. Weitere Erscheinungsformen |
| 283 | sind Kooperationen zwischen standortverteilten |
| 284 | Funktionseinheiten von Konzernen, die etwa ihre Buchhaltung |
| 285 | oder andere „shared services“ im Ausland angesiedelt haben. |
| 286 | Solche Konstellationen verbinden sich nicht nur mit |
| 287 | koordinativen Herausforderungen für das jeweilige |
| 288 | Management, sondern auch mit neuen Problemstellungen für die |
| 289 | betroffenen Beschäftigten, die vor allem deren |
| 290 | Qualifikation, Arbeitszeiten und arbeitsrechtliche Situation |
| 291 | berühren: |
| 292 | |
| 293 | Qualifikation: Mit der Arbeit in globalen Bezügen |
| 294 | verändern sich grundlegende Anforderungen an die beruflichen |
| 295 | Kompetenzen, die sich primär auf häufig neu zu erwerbende |
| 296 | sprachliche, interkulturelle und technische Fähigkeiten |
| 297 | beziehen. Es geht dabei aber auch im weiteren Sinne „um eine |
| 298 | echte strategische Neueinstellung: die Mitarbeiter sehr |
| 299 | grundlegend zu befähigen, sich auf die neue Phase der |
| 300 | Globalisierung einzulassen; sie in die Lage zu versetzen, |
| 301 | sich produktiv und ‚in erster Person‘ in die Umbruchprozesse |
| 302 | einzubringen“. [FN: Boes, Andreas/Baukrowitz, Andrea/Kämpf, |
| 303 | Tobias/Marrs, Kira: Eine global vernetzte Ökonomie braucht |
| 304 | die Menschen. Strategische Herausforderungen für Arbeit und |
| 305 | Qualifikation. 2011, S. 17. Abrufbar unter: |
| 306 | http://www.isf-muenchen.de/pdf/2011-boes-baukrowitz-kaempf-m |
| 307 | arrs-eine-global-vernetzte-oekonomie.pdf ] |
| 308 | |
| 309 | Arbeitszeiten: Häufig wird in internationalen |
| 310 | Arbeitszusammenhängen über Zeitzonen hinweg und nicht selten |
| 311 | sogar in rund um die Uhr laufenden |
| 312 | „Follow-the-sun-workflows“ kooperiert. Beschäftigte sehen |
| 313 | sich unter diesen Voraussetzungen häufig mit der |
| 314 | Notwendigkeit ungewöhnlicher Arbeits- und Präsenzzeiten – |
| 315 | spät in der Nacht, früh am Morgen – und mit zeitlich |
| 316 | zunehmend ausgedehnten Verfügbarkeitserwartungen |
| 317 | konfrontiert. Die daraus resultierenden Beanspruchungen |
| 318 | können auf längere Sicht zu einer Gefährdung der Gesundheit |
| 319 | und einer Beeinträchtigung der Work-Life-Balance der |
| 320 | Betroffenen führen. [FN: Vgl. hierzu ausführlich im |
| 321 | Abschnitt 3.3.4 Gesundes Arbeiten.] |
| 322 | |
| 323 | Arbeitsrechtliche Situation: Viele Gestaltungsvarianten |
| 324 | international vernetzter Wertschöpfung zeichnen sich auf der |
| 325 | rechtlichen Ebene dadurch aus, dass die in Deutschland |
| 326 | Beschäftigten sowie ihre Betriebsräte mit Arbeitssituationen |
| 327 | konfrontiert werden, die durch betriebswirtschaftlich |
| 328 | optimale Konzepte der Arbeitserbringung geprägt sind, nicht |
| 329 | jedoch durch das national geltende Arbeitsrecht. Dies führt |
| 330 | beispielsweise dazu, dass Beschäftigte ihre Arbeitsaufträge |
| 331 | von Personen oder Stellen erhalten, die organisatorisch |
| 332 | außerhalb ihres Betriebs oder Unternehmens angesiedelt sind |
| 333 | und geografisch außerhalb der Bundesrepublik Deutschland |
| 334 | beziehungsweise der Europäischen Union. In einer steigenden |
| 335 | Zahl von Fällen lässt sich in solchen Strukturen keine klare |
| 336 | zivilrechtliche Beziehung zwischen Arbeitnehmern und ihren |
| 337 | funktionalen Vorgesetzten mehr erkennen. Dies verweist auf |
| 338 | das generelle Problem, dass das arbeitsrechtliche Modell |
| 339 | durch das Territorialitätsprinzip auf das Hoheitsgebiet der |
| 340 | Bundesrepublik Deutschland begrenzt ist. Grenzüberschreitend |
| 341 | kommen einzelne nationale Gesetzesvorschriften nur |
| 342 | ausnahmsweise zur Anwendung, beispielsweise dann, wenn auf |
| 343 | der Basis von Arbeitsverträgen nach deutschem Recht |
| 344 | beschäftigte Personen im Ausland tätig werden. Die begrenzte |
| 345 | Reichweite des deutschen Arbeitsrechts wird schon im |
| 346 | europäischen Rechtsraum nicht durch adäquate EU-Regelungen |
| 347 | substituiert. Im weltweiten Rahmen gibt es flächendeckend |
| 348 | keine arbeitsrechtlichen Vorgaben, die den deutschen |
| 349 | Rechtsstandard adäquat abbilden. |
| 350 | |
| 351 | Die Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung, wie |
| 352 | sie auf der Basis globaler digitaler Vernetzung in neuer |
| 353 | Qualität möglich geworden ist, kann per Saldo zu bedeutsamen |
| 354 | Wohlfahrtsgewinnen – sowohl in den entwickelten |
| 355 | Industrieländern als auch in Schwellen- und |
| 356 | Entwicklungsländern – führen. Zugleich resultieren aus |
| 357 | dieser Entwicklung Herausforderungen auf Handlungsfeldern |
| 358 | wie dem Arbeitsrecht, den internationalen Arbeits- und |
| 359 | Sozialstandards, der Qualifizierung oder auch der |
| 360 | Arbeitsgestaltung, die es politisch anzugehen gilt, um |
| 361 | Ängste und Verunsicherungen von Beschäftigten glaubwürdig |
| 362 | eindämmen und die fortschreitende Globalisierung nachhaltig |
| 363 | auf einen möglichst breiten Konsens stützen zu können. |
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