Papier: 3.2.2 Akteursperspektiven: Freiberufler , Angestellte, Unternehmer, Wissenschaftler: Arbeitsplätze und Beschäftigungsmöglichkeiten
Originalversion
| 1 | Die durch die digitale Vernetzung ausgelösten Veränderungen |
| 2 | vollziehen sich in einer Arbeitswelt, die durch ein hohes |
| 3 | Maß an Heterogenität gekennzeichnet ist. Auch wenn der |
| 4 | technische Umbruch faktisch kein Segment der Erwerbssphäre |
| 5 | unberührt lässt, so dürfte er deshalb in seinen Wirkungen |
| 6 | für unterschiedliche Akteure unterschiedlich ausfallen, |
| 7 | zumindest unterschiedlich wahrgenommen werden. |
| 8 | Differenzierend wirken können in dieser Hinsicht |
| 9 | verschiedene Faktoren, wie etwa die Frage, ob man einer |
| 10 | selbstständigen Erwerbstätigkeit nachgeht oder abhängig |
| 11 | beschäftigt ist, wie sicher gegebenenfalls diese |
| 12 | Beschäftigung und wie hoch die eigene Qualifikation ist. |
| 13 | Auch das Einkommen und die Zugehörigkeit zu bestimmten |
| 14 | Branchen spielen eine Rolle. Insgesamt ist zu beobachten, |
| 15 | dass Wissensarbeiter, sogenannte Knowledge Worker, in fast |
| 16 | allen Arbeitsbereichen stark auf dem Vormarsch sind. Sie |
| 17 | agieren als Mittler zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, |
| 18 | sind meist als Angestellte beschäftigt, teilweise jedoch |
| 19 | auch selbstständig tätig, und arbeiten mit einer starken |
| 20 | intrinsischen Motivation, weshalb die Arbeit häufig im |
| 21 | Privaten noch fortgesetzt wird. |
| 22 | |
| 23 | Aufgrund der gestiegenen Anforderungen der Arbeit an die |
| 24 | Kreativität der Mitarbeiter gibt es in den Unternehmen |
| 25 | zunehmend Erwerbstätige, die sich in die betrieblichen |
| 26 | Abläufe einzubringen versuchen, häufig besonders verlässlich |
| 27 | und fleißig arbeiten, aber auch leicht resignieren, wenn |
| 28 | ihre Vorschläge nicht aufgegriffen werden. [FN: Diese werden |
| 29 | auch mit dem Begriff des „loyalen Störers“ bezeichnet. So |
| 30 | unterscheidet Friebe zum Beispiel elf „Cluster“ solcher |
| 31 | „Workstyles“, „die sich maßgeblich über ihr Mindset in Bezug |
| 32 | auf die eigene Arbeit unterscheiden“: Corporate High Flyers, |
| 33 | Knowledge Workers, Digitale Bohème, Loyale Störer, |
| 34 | Intermediäre, Job Hopper, Kreative Downshifter, Working |
| 35 | Middle, Passivisten, Prekaristen und Neue Spezialisten. Vgl. |
| 36 | Friebe, Holm: Workstyles. In: Trend Update 11/2011.] Ein |
| 37 | weiterer, nicht zu übersehender Trend ist der wachsende |
| 38 | Bedarf an Spezialisten in allen Bereichen der Arbeitswelt. |
| 39 | Zunehmend arbeiten diese als Selbstständige auf einem |
| 40 | weltweiten Markt, häufig im Rahmen outgesourcter Projekte. |
| 41 | Mittlerweile betrifft dies freiberufliche Programmierer |
| 42 | ebenso wie Spezialisten, die auf Ölbohrplattformen |
| 43 | eingesetzt werden. [FN: Der Schweizer Sozialwissenschaftler |
| 44 | Daniel Oesch grenzt etwa vier „Arbeitslogiken“ voneinander |
| 45 | ab: Die „interpersonelle“, die „technische“, die |
| 46 | „organisatorische“ und die „selbstständige“ und kombiniert |
| 47 | diese mit Qualifikationsrängen und weiteren Merkmalen. Im |
| 48 | Ergebnis kommt er auf eine siebzehn „Erwerbsklassen“ |
| 49 | umfassende Gesamtsystematik. Vgl. hierzu ausführlich Vester, |
| 50 | Michael/Teiwes-Kügler, Cristel/Lange-Vester, Andrea: Die |
| 51 | neuen Arbeitnehmer. 2007, S. 58 ff. ] |
| 52 | |
| 53 | Den Differenzen einer Arbeitswelt, die sowohl in objektiver |
| 54 | Hinsicht als aus hinsichtlich der subjektiven |
| 55 | Erwerbsorientierungen sehr heterogen ist, gilt es bei der |
| 56 | Analyse digitaler Arbeit – und mehr noch bei Initiativen zu |
| 57 | ihrer Gestaltung – Rechnung zu tragen: Die Potenziale und |
| 58 | Probleme orts- und zeitflexibler Tätigkeit stellen sich |
| 59 | beispielsweise unter Konstellationen abhängiger |
| 60 | Beschäftigung anders dar als bei solo-selbstständigen |
| 61 | Auftragnehmern der Kreativwirtschaft. Eine Untersuchung des |
| 62 | DIW Berlin [FN: Vgl. Brenke, Karl: Anhaltender |
| 63 | Strukturwandel zur Teilzeitbeschäftigung. DIW Wochenbericht |
| 64 | 42/2011. Abrufbar unter: |
| 65 | http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.387388 |
| 66 | .de/11-42.pdf ] zeigt, dass es in Deutschland zwar immer |
| 67 | mehr Erwerbstätige gibt, dass aber zugleich die |
| 68 | Vollbeschäftigung ab- und die Teilzeitbeschäftigung zunimmt. |
| 69 | Setzt sich diese Entwicklung fort, wird der Normalfall des |
| 70 | unbefristet Beschäftigten zum Ausnahmefall werden. Da auch |
| 71 | die Zahl der Selbstständigen stetig ansteigt, erscheint es |
| 72 | plausibel, dass hiermit eine gewandelte Einstellung zur |
| 73 | eigenen Arbeit einhergeht. |
| 74 | |
| 75 | Es wächst das Bedürfnis, die eigenen Arbeitsbedingungen |
| 76 | einer möglichst selbstbestimmten Work-Life-Balance |
| 77 | entsprechend gestalten zu können. Phasen, in denen der |
| 78 | Einzelne mehr Zeit für die persönliche Lebensgestaltung |
| 79 | benötigt, wechseln heutzutage oft ab mit solchen, in denen |
| 80 | die Arbeit im Vordergrund steht. Wenn solche phasenweisen |
| 81 | Wechsel im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber beziehungsweise |
| 82 | Auftraggeber geplant werden können, erlauben sie den |
| 83 | Betroffenen mehr persönliche Flexibilität, als dies bei |
| 84 | festgelegten Arbeitszeiten der Fall ist. Unternehmen, die |
| 85 | stark projektbezogen wirtschaften, profitieren von solcher |
| 86 | Flexibilität ebenfalls. |
| 87 | |
| 88 | Kaum mehr zu übersehen ist weiterhin die Tendenz zur |
| 89 | Markenbildung als Voraussetzung wirtschaftlichen Erfolgs in |
| 90 | der Erwerbsgesellschaft. Die von Markus Albers als |
| 91 | „Meconomy“ [FN: Vgl. Albers, Markus: Meconomy. 2009. ] |
| 92 | bezeichnete Tendenz zur Selbstvermarktung kann man als |
| 93 | Reaktion darauf verstehen, dass sich Loyalität und Fleiß |
| 94 | heute nicht mehr auszahlen, genauer gesagt: im Ernstfall |
| 95 | nicht vor der drohenden Prekarisierung bewahren. Der |
| 96 | Einzelne ist aufgerufen, die eigenen Stärken und Schwächen |
| 97 | selbst zu erkennen und die eigene Arbeit entsprechend |
| 98 | solcher Selbstanalyse zu organisieren, statt auf die |
| 99 | Vorgaben eines Arbeitgebers zu warten. Die gesellschaftliche |
| 100 | Spaltung zwischen jenen, die dazu in der Lage sind, und |
| 101 | jenen, die in dem damit verbundenen Konkurrenzkampf auf der |
| 102 | Strecke bleiben, nimmt stetig zu. |
| 103 | |
| 104 | Auch in anderen Bereichen sind gleichermaßen Chancen wie |
| 105 | Risiken zu erkennen: Die Werkzeuge der Ideenökonomie stehen |
| 106 | heute allen zur Verfügung. Das gemeinsame Arbeiten auf |
| 107 | kollaborativen Plattformen ist nicht mehr nur, wie etwa bei |
| 108 | Projekten wie der Wikipedia, eine Freizeitbeschäftigung, |
| 109 | sondern längst zu einem wichtigen Produktionsfaktor |
| 110 | geworden. Plattformen wie jovoto.com, wo Kreativschaffende |
| 111 | in einen Wettbewerb um die besten Designideen treten können, |
| 112 | die hernach von Unternehmen aufgekauft werden, sind ein |
| 113 | typisches Beispiel für solche Wikinomics. Die Globalisierung |
| 114 | der Arbeitswelt erreicht vor diesem Hintergrund eine neue |
| 115 | Dimension, sowohl was die Produktivitätssteigerung betrifft, |
| 116 | als auch was das Schicksal klassischer Mitbestimmungsrechte |
| 117 | anbelangt. |
| 118 | Auch große Unternehmen werden in der Regel, wenn sie |
| 119 | konkurrenzfähig bleiben wollen, zunehmend an solche |
| 120 | dezentralisierten Arbeitsstrukturen anknüpfen müssen – |
| 121 | insbesondere unter dem Aspekt der Gewinnung qualifizierter |
| 122 | Fachkräfte. Dies kann sich darin niederschlagen, dass |
| 123 | Stammbelegschaften weiter schrumpfen werden, weil Projekte |
| 124 | zunehmend an freie Mitarbeiter ausgelagert werden. Damit |
| 125 | wird sich auch die Rolle der Führungskräfte ändern, die |
| 126 | zunehmend weniger als Autoritäten im eigenen Betrieb |
| 127 | benötigt werden als vielmehr zur Koordinierung eines |
| 128 | inhomogenen Pools von Mitarbeitern, wie Don Tapscott und |
| 129 | Anthony D. Williams feststellen. [Vgl. Tapscott, |
| 130 | Don/Williams, Anthony D.: Makrowikinomics. 2010.] |
| 131 | |
| 132 | Arbeitspolitik kann vor diesem Hintergrund nicht umhin, sich |
| 133 | in diesem Spannungsfeld umsichtig zu bewegen und |
| 134 | unterschiedlichen Zielgruppen jeweils kontextspezifisch |
| 135 | adäquate Angebote zu machen. Dies gilt insbesondere, aber |
| 136 | längst nicht nur, für die Differenzen zwischen |
| 137 | Erwerbstätigen innerhalb und außerhalb des Geltungsbereichs |
| 138 | des individuellen und kollektiven Arbeitsrechts, mithin |
| 139 | zwischen klassisch abhängig beschäftigten Arbeitnehmern und |
| 140 | selbstständigen Freelancern. Während letztere, um es anhand |
| 141 | zweier gängiger Leitbegriffe zu konkretisieren, vor allem |
| 142 | ein Mehr an sozialer Sicherheit zu benötigen scheinen, |
| 143 | dürfte es bei ersteren eher einen Bedarf an mehr Freiheiten |
| 144 | in der Arbeit geben, die nicht zugleich durch ein Übermaß an |
| 145 | Belastungen und Überforderungen konterkariert und entwertet |
| 146 | werden. Arbeitszeit- bzw. Erreichbarkeitsbegrenzungen etwa, |
| 147 | welche den einen als überfälliger Schutz vor endlosen |
| 148 | Verfügbarkeitszumutungen des Arbeitgebers willkommen sein |
| 149 | mögen, könnten von anderen als bevormundende Einschränkung |
| 150 | persönlicher Autonomie empfunden und abgelehnt, ignoriert |
| 151 | und umgangen werden. |
| 152 | |
| 153 | Angesichts der Heterogenität an Perzeptionen, Bedürfnissen |
| 154 | und arbeitsrechtlichen Verortungen verschiedener Gruppen von |
| 155 | Erwerbstätigen kann die Gestaltung und Regulierung digitaler |
| 156 | Arbeit kaum nach dem Muster eines „one size fits all“ |
| 157 | erfolgen. Sie sollte vielmehr unterschiedliche Varianten – |
| 158 | gesetzliche oder kollektivvertragliche Normen, betriebliche |
| 159 | Vereinbarungen, Codes of Conduct u. ä. – anbieten, die den |
| 160 | betroffenen Akteuren stets ausreichende Möglichkeiten zur |
| 161 | Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten und Präferenzen |
| 162 | lassen. Akzeptanz und Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen |
| 163 | werden dann höher ausfallen, wenn sie auf der aktiven |
| 164 | Mitwirkung der Betroffenen an der Konzipierung, Durchsetzung |
| 165 | und Anwendung basieren. |
Der Text verglichen mit der Originalversion
| 1 | Die durch die digitale Vernetzung ausgelösten Veränderungen |
| 2 | vollziehen sich in einer Arbeitswelt, die durch ein hohes |
| 3 | Maß an Heterogenität gekennzeichnet ist. Auch wenn der |
| 4 | technische Umbruch faktisch kein Segment der Erwerbssphäre |
| 5 | unberührt lässt, so dürfte er deshalb in seinen Wirkungen |
| 6 | für unterschiedliche Akteure unterschiedlich ausfallen, |
| 7 | zumindest unterschiedlich wahrgenommen werden. |
| 8 | Differenzierend wirken können in dieser Hinsicht |
| 9 | verschiedene Faktoren, wie etwa die Frage, ob man einer |
| 10 | selbstständigen Erwerbstätigkeit nachgeht oder abhängig |
| 11 | beschäftigt ist, wie sicher gegebenenfalls diese |
| 12 | Beschäftigung und wie hoch die eigene Qualifikation ist. |
| 13 | Auch das Einkommen und die Zugehörigkeit zu bestimmten |
| 14 | Branchen spielen eine Rolle. Insgesamt ist zu beobachten, |
| 15 | dass Wissensarbeiter, sogenannte Knowledge Worker, in fast |
| 16 | allen Arbeitsbereichen stark auf dem Vormarsch sind. Sie |
| 17 | agieren als Mittler zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, |
| 18 | sind meist als Angestellte beschäftigt, teilweise jedoch |
| 19 | auch selbstständig tätig, und arbeiten mit einer starken |
| 20 | intrinsischen Motivation, weshalb die Arbeit häufig im |
| 21 | Privaten noch fortgesetzt wird. |
| 22 | |
| 23 | Aufgrund der gestiegenen Anforderungen der Arbeit an die |
| 24 | Kreativität der Mitarbeiter gibt es in den Unternehmen |
| 25 | zunehmend Erwerbstätige, die sich in die betrieblichen |
| 26 | Abläufe einzubringen versuchen, häufig besonders verlässlich |
| 27 | und fleißig arbeiten, aber auch leicht resignieren, wenn |
| 28 | ihre Vorschläge nicht aufgegriffen werden. [FN: Diese werden |
| 29 | auch mit dem Begriff des „loyalen Störers“ bezeichnet. So |
| 30 | unterscheidet Friebe zum Beispiel elf „Cluster“ solcher |
| 31 | „Workstyles“, „die sich maßgeblich über ihr Mindset in Bezug |
| 32 | auf die eigene Arbeit unterscheiden“: Corporate High Flyers, |
| 33 | Knowledge Workers, Digitale Bohème, Loyale Störer, |
| 34 | Intermediäre, Job Hopper, Kreative Downshifter, Working |
| 35 | Middle, Passivisten, Prekaristen und Neue Spezialisten. Vgl. |
| 36 | Friebe, Holm: Workstyles. In: Trend Update 11/2011.] Ein |
| 37 | weiterer, nicht zu übersehender Trend ist der wachsende |
| 38 | Bedarf an Spezialisten in allen Bereichen der Arbeitswelt. |
| 39 | Zunehmend arbeiten diese als Selbstständige auf einem |
| 40 | weltweiten Markt, häufig im Rahmen outgesourcter Projekte. |
| 41 | Mittlerweile betrifft dies freiberufliche Programmierer |
| 42 | ebenso wie Spezialisten, die auf Ölbohrplattformen |
| 43 | eingesetzt werden. [FN: Der Schweizer Sozialwissenschaftler |
| 44 | Daniel Oesch grenzt etwa vier „Arbeitslogiken“ voneinander |
| 45 | ab: Die „interpersonelle“, die „technische“, die |
| 46 | „organisatorische“ und die „selbstständige“ und kombiniert |
| 47 | diese mit Qualifikationsrängen und weiteren Merkmalen. Im |
| 48 | Ergebnis kommt er auf eine siebzehn „Erwerbsklassen“ |
| 49 | umfassende Gesamtsystematik. Vgl. hierzu ausführlich Vester, |
| 50 | Michael/Teiwes-Kügler, Cristel/Lange-Vester, Andrea: Die |
| 51 | neuen Arbeitnehmer. 2007, S. 58 ff. ] |
| 52 | |
| 53 | Den Differenzen einer Arbeitswelt, die sowohl in objektiver |
| 54 | Hinsicht als aus hinsichtlich der subjektiven |
| 55 | Erwerbsorientierungen sehr heterogen ist, gilt es bei der |
| 56 | Analyse digitaler Arbeit – und mehr noch bei Initiativen zu |
| 57 | ihrer Gestaltung – Rechnung zu tragen: Die Potenziale und |
| 58 | Probleme orts- und zeitflexibler Tätigkeit stellen sich |
| 59 | beispielsweise unter Konstellationen abhängiger |
| 60 | Beschäftigung anders dar als bei solo-selbstständigen |
| 61 | Auftragnehmern der Kreativwirtschaft. Eine Untersuchung des |
| 62 | DIW Berlin [FN: Vgl. Brenke, Karl: Anhaltender |
| 63 | Strukturwandel zur Teilzeitbeschäftigung. DIW Wochenbericht |
| 64 | 42/2011. Abrufbar unter: |
| 65 | http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.387388 |
| 66 | .de/11-42.pdf ] zeigt, dass es in Deutschland zwar immer |
| 67 | mehr Erwerbstätige gibt, dass aber zugleich die |
| 68 | Vollbeschäftigung ab- und die Teilzeitbeschäftigung zunimmt. |
| 69 | Setzt sich diese Entwicklung fort, wird der Normalfall des |
| 70 | unbefristet Beschäftigten zum Ausnahmefall werden. Da auch |
| 71 | die Zahl der Selbstständigen stetig ansteigt, erscheint es |
| 72 | plausibel, dass hiermit eine gewandelte Einstellung zur |
| 73 | eigenen Arbeit einhergeht. |
| 74 | |
| 75 | Es wächst das Bedürfnis, die eigenen Arbeitsbedingungen |
| 76 | einer möglichst selbstbestimmten Work-Life-Balance |
| 77 | entsprechend gestalten zu können. Phasen, in denen der |
| 78 | Einzelne mehr Zeit für die persönliche Lebensgestaltung |
| 79 | benötigt, wechseln heutzutage oft ab mit solchen, in denen |
| 80 | die Arbeit im Vordergrund steht. Wenn solche phasenweisen |
| 81 | Wechsel im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber beziehungsweise |
| 82 | Auftraggeber geplant werden können, erlauben sie den |
| 83 | Betroffenen mehr persönliche Flexibilität, als dies bei |
| 84 | festgelegten Arbeitszeiten der Fall ist. Unternehmen, die |
| 85 | stark projektbezogen wirtschaften, profitieren von solcher |
| 86 | Flexibilität ebenfalls. |
| 87 | |
| 88 | Kaum mehr zu übersehen ist weiterhin die Tendenz zur |
| 89 | Markenbildung als Voraussetzung wirtschaftlichen Erfolgs in |
| 90 | der Erwerbsgesellschaft. Die von Markus Albers als |
| 91 | „Meconomy“ [FN: Vgl. Albers, Markus: Meconomy. 2009. ] |
| 92 | bezeichnete Tendenz zur Selbstvermarktung kann man als |
| 93 | Reaktion darauf verstehen, dass sich Loyalität und Fleiß |
| 94 | heute nicht mehr auszahlen, genauer gesagt: im Ernstfall |
| 95 | nicht vor der drohenden Prekarisierung bewahren. Der |
| 96 | Einzelne ist aufgerufen, die eigenen Stärken und Schwächen |
| 97 | selbst zu erkennen und die eigene Arbeit entsprechend |
| 98 | solcher Selbstanalyse zu organisieren, statt auf die |
| 99 | Vorgaben eines Arbeitgebers zu warten. Die gesellschaftliche |
| 100 | Spaltung zwischen jenen, die dazu in der Lage sind, und |
| 101 | jenen, die in dem damit verbundenen Konkurrenzkampf auf der |
| 102 | Strecke bleiben, nimmt stetig zu. |
| 103 | |
| 104 | Auch in anderen Bereichen sind gleichermaßen Chancen wie |
| 105 | Risiken zu erkennen: Die Werkzeuge der Ideenökonomie stehen |
| 106 | heute allen zur Verfügung. Das gemeinsame Arbeiten auf |
| 107 | kollaborativen Plattformen ist nicht mehr nur, wie etwa bei |
| 108 | Projekten wie der Wikipedia, eine Freizeitbeschäftigung, |
| 109 | sondern längst zu einem wichtigen Produktionsfaktor |
| 110 | geworden. Plattformen wie jovoto.com, wo Kreativschaffende |
| 111 | in einen Wettbewerb um die besten Designideen treten können, |
| 112 | die hernach von Unternehmen aufgekauft werden, sind ein |
| 113 | typisches Beispiel für solche Wikinomics. Die Globalisierung |
| 114 | der Arbeitswelt erreicht vor diesem Hintergrund eine neue |
| 115 | Dimension, sowohl was die Produktivitätssteigerung betrifft, |
| 116 | als auch was das Schicksal klassischer Mitbestimmungsrechte |
| 117 | anbelangt. |
| 118 | Auch große Unternehmen werden in der Regel, wenn sie |
| 119 | konkurrenzfähig bleiben wollen, zunehmend an solche |
| 120 | dezentralisierten Arbeitsstrukturen anknüpfen müssen – |
| 121 | insbesondere unter dem Aspekt der Gewinnung qualifizierter |
| 122 | Fachkräfte. Dies kann sich darin niederschlagen, dass |
| 123 | Stammbelegschaften weiter schrumpfen werden, weil Projekte |
| 124 | zunehmend an freie Mitarbeiter ausgelagert werden. Damit |
| 125 | wird sich auch die Rolle der Führungskräfte ändern, die |
| 126 | zunehmend weniger als Autoritäten im eigenen Betrieb |
| 127 | benötigt werden als vielmehr zur Koordinierung eines |
| 128 | inhomogenen Pools von Mitarbeitern, wie Don Tapscott und |
| 129 | Anthony D. Williams feststellen. [Vgl. Tapscott, |
| 130 | Don/Williams, Anthony D.: Makrowikinomics. 2010.] |
| 131 | |
| 132 | Arbeitspolitik kann vor diesem Hintergrund nicht umhin, sich |
| 133 | in diesem Spannungsfeld umsichtig zu bewegen und |
| 134 | unterschiedlichen Zielgruppen jeweils kontextspezifisch |
| 135 | adäquate Angebote zu machen. Dies gilt insbesondere, aber |
| 136 | längst nicht nur, für die Differenzen zwischen |
| 137 | Erwerbstätigen innerhalb und außerhalb des Geltungsbereichs |
| 138 | des individuellen und kollektiven Arbeitsrechts, mithin |
| 139 | zwischen klassisch abhängig beschäftigten Arbeitnehmern und |
| 140 | selbstständigen Freelancern. Während letztere, um es anhand |
| 141 | zweier gängiger Leitbegriffe zu konkretisieren, vor allem |
| 142 | ein Mehr an sozialer Sicherheit zu benötigen scheinen, |
| 143 | dürfte es bei ersteren eher einen Bedarf an mehr Freiheiten |
| 144 | in der Arbeit geben, die nicht zugleich durch ein Übermaß an |
| 145 | Belastungen und Überforderungen konterkariert und entwertet |
| 146 | werden. Arbeitszeit- bzw. Erreichbarkeitsbegrenzungen etwa, |
| 147 | welche den einen als überfälliger Schutz vor endlosen |
| 148 | Verfügbarkeitszumutungen des Arbeitgebers willkommen sein |
| 149 | mögen, könnten von anderen als bevormundende Einschränkung |
| 150 | persönlicher Autonomie empfunden und abgelehnt, ignoriert |
| 151 | und umgangen werden. |
| 152 | |
| 153 | Angesichts der Heterogenität an Perzeptionen, Bedürfnissen |
| 154 | und arbeitsrechtlichen Verortungen verschiedener Gruppen von |
| 155 | Erwerbstätigen kann die Gestaltung und Regulierung digitaler |
| 156 | Arbeit kaum nach dem Muster eines „one size fits all“ |
| 157 | erfolgen. Sie sollte vielmehr unterschiedliche Varianten – |
| 158 | gesetzliche oder kollektivvertragliche Normen, betriebliche |
| 159 | Vereinbarungen, Codes of Conduct u. ä. – anbieten, die den |
| 160 | betroffenen Akteuren stets ausreichende Möglichkeiten zur |
| 161 | Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten und Präferenzen |
| 162 | lassen. Akzeptanz und Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen |
| 163 | werden dann höher ausfallen, wenn sie auf der aktiven |
| 164 | Mitwirkung der Betroffenen an der Konzipierung, Durchsetzung |
| 165 | und Anwendung basieren. |
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