Papier: 3.1. Einleitung - Teil 2
Originalversion
| 1 | Teil 2 von -- 3.1. Einleitung -- |
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| 3 | |
| 4 | |
| 5 | Der digital beförderte Trend zur räumlichen und zeitlichen |
| 6 | Dekonzentration von Arbeit hat auch in |
| 7 | arbeitsrechtlich-regulatorischer Hinsicht Konsequenzen, |
| 8 | welche sich schon seit geraumer Zeit abzeichneten und heute |
| 9 | immer deutlicher erkennbar sind. So hat etwa die vom |
| 10 | Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission Zukunft |
| 11 | der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft bereits Ende der |
| 12 | 1990er Jahre darauf hingewiesen, dass im Falle einer |
| 13 | Fortsetzung dieses Trends „der Betrieb als klassisches |
| 14 | Gravitationszentrum der Arbeitswelt erheblich an Bedeutung |
| 15 | und prägender Kraft einbüßen [wird]. Wenn sich betriebliche |
| 16 | Kooperations- und Kommunikationsprozesse zunehmend auf |
| 17 | Datennetze verlagern, technisch vermittelt und zu Teilen |
| 18 | asynchron stattfinden, dann droht mit einer solchen |
| 19 | tendenziellen ‚Auflösung des Betriebes‘ auch die |
| 20 | traditionelle Plattform für arbeitsrechtliche Regulierung, |
| 21 | soziale Erfahrung, Konfliktaustragung und -moderation in der |
| 22 | Arbeitswelt zu schwinden. Der Trend zur Dekonzentration von |
| 23 | Arbeit beeinträchtigt damit die Wirksamkeit derjenigen |
| 24 | arbeitsrechtlichen Schutz- und Gestaltungsmechanismen – zum |
| 25 | Beispiel der betrieblichen Mitbestimmung –, die sich am |
| 26 | Begriff und an der sozialen Realität des Betriebes |
| 27 | festmachen.“ [FN: Deutscher Bundestag: Schlussbericht der |
| 28 | Enquete-Kommission Zukunft der Medien in Wirtschaft und |
| 29 | Gesellschaft – Deutschlands Weg in die |
| 30 | Informationsgesellschaft. 1998. BT-Drs. 13/11004 vom 22. |
| 31 | Juni 1998, S.55. Abrufbar unter: |
| 32 | http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/110/1311004.pdf ] |
| 33 | Diese seinerzeit noch prognostische Einschätzung hat sich |
| 34 | mittlerweile als durchaus realitätsgerecht erwiesen, ohne |
| 35 | dass aus ihr bislang praktische Schlussfolgerungen zur |
| 36 | Anpassung des Arbeitsrechts an die veränderten Gegebenheiten |
| 37 | gezogen worden wären. |
| 38 | |
| 39 | Die Digitalisierung hat jedoch nicht nur Abläufe und |
| 40 | Organisationsformen im traditionellen Arbeitsleben stark |
| 41 | verändert, sondern auch im Zusammenwirken mit der |
| 42 | Intensivierung des Wettbewerbs und der Deregulierung von |
| 43 | Arbeitsmarktstrukturen maßgeblich dazu beigetragen, dass |
| 44 | sich die Erwerbssphäre insgesamt tiefgreifend verändert. Im |
| 45 | Zuge dieser Entwicklung büßt das klassische |
| 46 | Normalarbeitsverhältnis als traditionell normsetzender |
| 47 | Erwerbstypus an Bedeutung ein. Zwar waren nach den Daten des |
| 48 | Mikrozensus 2010 von 30,9 Millionen abhängig Beschäftigten |
| 49 | in Deutschland noch immer 23,1 Millionen |
| 50 | „normalerwerbstätig“ [FN: Statistisches Bundesamt: |
| 51 | Pressemitteilung Nr. 270 vom 19.07.2011. Abrufbar unter: |
| 52 | https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemittei |
| 53 | lungen/2011/07/PD11_270_132.html ] was noch immer einen |
| 54 | Anteil von knapp 75 Prozent ausmachte. Allerdings ist die |
| 55 | Zahl der Selbstständigen von 1991 bis 2010 kontinuierlich |
| 56 | angestiegen und lag 2010 über 1,2 Millionen höher als 1991 – |
| 57 | eine Zunahme von 40,2 Prozent. Der Anteil der |
| 58 | Selbstständigen an den Erwerbstätigen lag 2010 bei 10,9 |
| 59 | Prozent. [FN: Vgl. Institut für Mittelstandsforschung: |
| 60 | Erwerbstätige/Selbstständige im Jahr 2010. Abrufbar unter: |
| 61 | www.ifm-bonn.org/index.php?utid=107&id=101 Zahlen für 2011 |
| 62 | werden erst im September/Oktober 2012 vorliegen.] Sicher ist |
| 63 | dieser Anstieg nicht monokausal auf die Digitalisierung |
| 64 | zurückzuführen. Mit dieser sind jedoch die technischen |
| 65 | Grundlagen dafür geschaffen, arbeitsteilige |
| 66 | Produktionsprozesse auf hohem Niveau nicht länger nur in |
| 67 | hierarchisch zentralisierten, örtlich konzentrierten und auf |
| 68 | Dauer angelegten betrieblichen Strukturen, wie sie für das |
| 69 | Industriezeitalter typisch waren, zu gestalten, sondern im |
| 70 | Wege von Strategien der Modularisierung, Netzwerkbildung und |
| 71 | Virtualisierung standortverteilt, telekooperativ, variabel |
| 72 | und zeitlich begrenzt zu organisieren – und dies zu |
| 73 | vergleichsweise niedrigen Transaktionskosten. |
| 74 | |
| 75 | Neben den strukturellen Veränderungen der Rahmenbedingungen |
| 76 | ist die moderne Arbeitswelt auch durch den Wunsch vieler |
| 77 | Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen geprägt, ihr Arbeitsleben |
| 78 | flexibler zu gestalten. |
| 79 | |
| 80 | Im IT-Bereich zeigt sich insbesondere auch folgendes |
| 81 | Phänomen: In einigen Berufs- und Arbeitsfeldern haben sich |
| 82 | auf Seiten der Berufstätigen ein neues Selbstverständnis und |
| 83 | eine veränderte Anspruchshaltung an die Ausgestaltung des |
| 84 | Beschäftigungsverhältnisses entwickelt. Die Festanstellung |
| 85 | und der langjährige Verbleib bei einem Arbeitgeber sind |
| 86 | nicht immer das erklärte Ziel. Zum Beispiel nutzen |
| 87 | Softwareentwickler ganz bewusst die Selbstständigkeit und |
| 88 | freie berufliche Tätigkeit, um projektbezogen für einen |
| 89 | bestimmten Zeitraum für einen Auftraggeber zu arbeiten, ohne |
| 90 | die Festanstellung zum Ziel zu haben. |
| 91 | |
| 92 | Die ambivalenten Folgen der zuvor beschriebenen |
| 93 | Veränderungen der Erwerbssphäre sind heute überall auf dem |
| 94 | Arbeitsmarkt zu beobachten. Bestand die erste Welle der |
| 95 | Ich-AGs zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch vorwiegend aus |
| 96 | Solo-Selbstständigen [FN: Als Solo-Selbstständige gelten |
| 97 | Personen, die selbstständig, aber ohne weitere Beschäftigte |
| 98 | tätig sind – inhaltliche Prüfung folgt] die sich als |
| 99 | Einzelkämpfer durchschlugen, so arbeiten Freiberufler |
| 100 | heutzutage häufig projektbezogen in losen Netzwerken und |
| 101 | betreiben ihre Auftragsakquisition algorithmenbasiert auf |
| 102 | Online-Plattformen. Nicht zufällig ist der Abschied von |
| 103 | traditionellen Erwerbsformen im Bereich der IT-Wirtschaft |
| 104 | besonders deutlich zu beobachten. Der Branchenverband BITKOM |
| 105 | geht davon aus, dass etwa 18 Prozent der insgesamt 588.000 |
| 106 | Beschäftigten im Bereich Software und IT-Services |
| 107 | selbstständig Tätige sind (während deren Anteil in den |
| 108 | anderen Bereichen der Netzwirtschaft eher zu vernachlässigen |
| 109 | sei). [FN: Angaben des BITKOM per Mail vom 1. Dezember 2012 |
| 110 | – Prüfung folgt. Zahlen basierend auf BITKOM, Bundesbank, |
| 111 | Destatis, UN Comtrade.] Twago, eine |
| 112 | Online-Vermittlungsplattform für Projekte im IT- und |
| 113 | Designbereich, hat nach eigenen Angaben mittlerweile 120.000 |
| 114 | Teilnehmer. Der Anteil der Selbstständigen wachse dabei |
| 115 | überproportional, gibt Twago an, dies sei ein weltweit zu |
| 116 | beobachtender Trend. [FN: Vgl. Pressemitteilung von twago |
| 117 | vom 22. September 2011 auf openPR: IT-Arbeitsmarkt: |
| 118 | Selbstständige und Freiberufler auf dem Vormarsch. Abrufbar |
| 119 | unter: |
| 120 | http://www.openpr.de/news/572894/IT-Arbeitsmarkt-Selbststaen |
| 121 | dige-und-Freiberufler-auf-dem-Vormarsch-International-Freela |
| 122 | ncers-Day-am-23-09-.html] Auch Plattformen wie jovoto, die |
| 123 | Aufträge von Firmen entgegennehmen, um sie von einer |
| 124 | Online-Community freiberuflicher Kreativschaffender, |
| 125 | vorwiegend aus dem Design-Bereich, bearbeiten zu lassen, |
| 126 | erfreuen sich zunehmender Popularität. Zwischen Februar und |
| 127 | Mai 2011 ließ sich zudem nach Angaben von Deskmag bei |
| 128 | Coworking Spaces weltweit eine stabile Zuwachsrate von 17 |
| 129 | Prozent verzeichnen. [FN: Vgl. Foertsch, Carsten/deskmag: |
| 130 | Coworking wächst weiter. 2011. Abrufbar unter: |
| 131 | http://www.deskmag.com/de/820-coworking-spaces-weltweit-stat |
| 132 | istik ] |
| 133 | |
| 134 | All dies sind Anzeichen dafür, dass die Arbeitswelt der |
| 135 | Zukunft sich immer mehr in Richtung jener „Wikinomics“ |
| 136 | entwickeln könnte, die Don Tapscott und Anthony Williams |
| 137 | beschrieben haben. [FN: Vgl. Tapscott, Don/Williams, Anthony |
| 138 | D.: Wikinomics. 2006. ] Sie gehen davon aus, dass |
| 139 | kollaborative Zusammenarbeit, wie sie auf vernetzten |
| 140 | Plattformen in ungeahntem Ausmaß organisiert werden kann, |
| 141 | für die Ökonomien des 21. Jahrhunderts zu den wichtigsten |
| 142 | Produktionsfaktoren zählt. Zum Teil geht damit zweifellos |
| 143 | ein Gewinn an persönlicher Souveränität und Freiheit der |
| 144 | Arbeitenden einher. Die Auswirkungen neuer Formen der |
| 145 | Arbeitsorganisation und die Ausgestaltung von |
| 146 | Beschäftigungsverhältnissen beziehungsweise selbstständiger |
| 147 | Arbeit sind hinsichtlich sozialer Absicherung (inkl. |
| 148 | Alterssicherung) und Einkommensstrukturen höchst |
| 149 | unterschiedlich. Einzelne profitieren durch unabhängige und |
| 150 | freischaffende Tätigkeit als Freelancer oder |
| 151 | Selbstständigkeit insbesondere in der IT-Branche. Andere |
| 152 | berichten von zunehmender Verunsicherung hinsichtlich |
| 153 | sozialer Absicherung und Perspektiven einer Festanstellung. |
| 154 | |
| 155 | Zudem müssen Freiberufler sich neben den tätigkeitsbezogenen |
| 156 | Kompetenzen „verwaltende Fähigkeiten“ sowie solche des |
| 157 | Selbstmanagements aneignen und dafür entsprechend Zeit |
| 158 | einräumen, wie zum Beispiel für die Akquise von Aufträgen, |
| 159 | die Abrechnung etc. |
| 160 | |
| 161 | War selbstständiges Unternehmertum in der |
| 162 | Industriegesellschaft nur im Zusammenhang mit |
| 163 | wirtschaftlicher Autonomie denkbar, so hat sich dies stark |
| 164 | gewandelt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hatten |
| 165 | im Februar 2011 118.000 Selbstständige Grundsicherung in |
| 166 | Anspruch genommen. 85.000 davon verfügten über ein Einkommen |
| 167 | von weniger als 400 Euro, 25.000 hatten bis zu 800 Euro |
| 168 | verdient. [FN: Welt Online vom 14. Juni 2011: Mehr als |
| 169 | 100.000 Selbstständige brauchen Hartz IV. Abrufbar unter: |
| 170 | http://www.welt.de/wirtschaft/article13428747/Mehr-als-100-0 |
| 171 | 00-Selbststaendige-brauchen-Hartz-IV.html ] |
| 172 | |
| 173 | Auch die Systeme der sozialen Absicherung vermögen mit der |
| 174 | Entwicklung der Arbeitswelt nicht Schritt zu halten. |
| 175 | Freiberufliche Wissensarbeiter haben beispielsweise, so sie |
| 176 | nicht als Kreativschaffende in der Künstlersozialkasse |
| 177 | Mitglied werden können, keine Möglichkeit einer günstigen |
| 178 | Krankenversicherung. Zudem stellen viele Selbstständige |
| 179 | heute fest, dass ihre zukünftigen Rentenansprüche weniger |
| 180 | stark steigen als die von Angestellten, auch wenn sie |
| 181 | regelmäßig in die Rentenversicherung einzahlen, weil ihr |
| 182 | Einkommen weniger stark wächst als das der |
| 183 | Durchschnittsbevölkerung. Dies gilt insbesondere dann, wenn |
| 184 | sie nicht den vergleichsweise hohen Pflichtbeitrag in die |
| 185 | Rentenversicherung einzahlen (können), sondern nur den |
| 186 | freiwilligen Mindestbeitrag. Die Möglichkeit, sich als |
| 187 | Selbstständiger freiwillig gegen Arbeitslosigkeit zu |
| 188 | versichern, besteht gleichfalls nur in sehr eingeschränktem |
| 189 | Maße. Zudem sind die Möglichkeiten der kollektiven |
| 190 | Interessenvertretung begrenzt, da Selbstständige häufig |
| 191 | entweder nicht gewerkschaftlich organisiert sind oder die |
| 192 | Gewerkschaften außerhalb tarifrechtlicher Strukturen kaum |
| 193 | Einfluss ausüben können. |
| 194 | |
| 195 | Die zentralen Fragen für die Zukunft lauten entsprechend: |
| 196 | |
| 197 | Welche Voraussetzung müssen erfüllt sein, damit |
| 198 | selbstständiges Arbeiten jenseits der Festanstellung für die |
| 199 | Betroffenen tatsächlich einen Mehrgewinn an Freiheit und |
| 200 | persönlicher Autonomie bedeutet? |
| 201 | |
| 202 | Wie müssen die sozialen Sicherungssysteme der Zukunft |
| 203 | jenseits gesicherter Arbeitsplätze aussehen? |
| 204 | |
| 205 | Welche Strukturen der Interessenvertretung können auch |
| 206 | Selbstständigen eine kollektive Vertretung gegenüber ihren |
| 207 | Auftraggebern ermöglichen? |
Der Text verglichen mit der Originalversion
| 1 | Teil 2 von -- 3.1. Einleitung -- |
| 2 | |
| 3 | |
| 4 | |
| 5 | Der digital beförderte Trend zur räumlichen und zeitlichen |
| 6 | Dekonzentration von Arbeit hat auch in |
| 7 | arbeitsrechtlich-regulatorischer Hinsicht Konsequenzen, |
| 8 | welche sich schon seit geraumer Zeit abzeichneten und heute |
| 9 | immer deutlicher erkennbar sind. So hat etwa die vom |
| 10 | Deutschen Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission Zukunft |
| 11 | der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft bereits Ende der |
| 12 | 1990er Jahre darauf hingewiesen, dass im Falle einer |
| 13 | Fortsetzung dieses Trends „der Betrieb als klassisches |
| 14 | Gravitationszentrum der Arbeitswelt erheblich an Bedeutung |
| 15 | und prägender Kraft einbüßen [wird]. Wenn sich betriebliche |
| 16 | Kooperations- und Kommunikationsprozesse zunehmend auf |
| 17 | Datennetze verlagern, technisch vermittelt und zu Teilen |
| 18 | asynchron stattfinden, dann droht mit einer solchen |
| 19 | tendenziellen ‚Auflösung des Betriebes‘ auch die |
| 20 | traditionelle Plattform für arbeitsrechtliche Regulierung, |
| 21 | soziale Erfahrung, Konfliktaustragung und -moderation in der |
| 22 | Arbeitswelt zu schwinden. Der Trend zur Dekonzentration von |
| 23 | Arbeit beeinträchtigt damit die Wirksamkeit derjenigen |
| 24 | arbeitsrechtlichen Schutz- und Gestaltungsmechanismen – zum |
| 25 | Beispiel der betrieblichen Mitbestimmung –, die sich am |
| 26 | Begriff und an der sozialen Realität des Betriebes |
| 27 | festmachen.“ [FN: Deutscher Bundestag: Schlussbericht der |
| 28 | Enquete-Kommission Zukunft der Medien in Wirtschaft und |
| 29 | Gesellschaft – Deutschlands Weg in die |
| 30 | Informationsgesellschaft. 1998. BT-Drs. 13/11004 vom 22. |
| 31 | Juni 1998, S.55. Abrufbar unter: |
| 32 | http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/110/1311004.pdf ] |
| 33 | Diese seinerzeit noch prognostische Einschätzung hat sich |
| 34 | mittlerweile als durchaus realitätsgerecht erwiesen, ohne |
| 35 | dass aus ihr bislang praktische Schlussfolgerungen zur |
| 36 | Anpassung des Arbeitsrechts an die veränderten Gegebenheiten |
| 37 | gezogen worden wären. |
| 38 | |
| 39 | Die Digitalisierung hat jedoch nicht nur Abläufe und |
| 40 | Organisationsformen im traditionellen Arbeitsleben stark |
| 41 | verändert, sondern auch im Zusammenwirken mit der |
| 42 | Intensivierung des Wettbewerbs und der Deregulierung von |
| 43 | Arbeitsmarktstrukturen maßgeblich dazu beigetragen, dass |
| 44 | sich die Erwerbssphäre insgesamt tiefgreifend verändert. Im |
| 45 | Zuge dieser Entwicklung büßt das klassische |
| 46 | Normalarbeitsverhältnis als traditionell normsetzender |
| 47 | Erwerbstypus an Bedeutung ein. Zwar waren nach den Daten des |
| 48 | Mikrozensus 2010 von 30,9 Millionen abhängig Beschäftigten |
| 49 | in Deutschland noch immer 23,1 Millionen |
| 50 | „normalerwerbstätig“ [FN: Statistisches Bundesamt: |
| 51 | Pressemitteilung Nr. 270 vom 19.07.2011. Abrufbar unter: |
| 52 | https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemittei |
| 53 | lungen/2011/07/PD11_270_132.html ] was noch immer einen |
| 54 | Anteil von knapp 75 Prozent ausmachte. Allerdings ist die |
| 55 | Zahl der Selbstständigen von 1991 bis 2010 kontinuierlich |
| 56 | angestiegen und lag 2010 über 1,2 Millionen höher als 1991 – |
| 57 | eine Zunahme von 40,2 Prozent. Der Anteil der |
| 58 | Selbstständigen an den Erwerbstätigen lag 2010 bei 10,9 |
| 59 | Prozent. [FN: Vgl. Institut für Mittelstandsforschung: |
| 60 | Erwerbstätige/Selbstständige im Jahr 2010. Abrufbar unter: |
| 61 | www.ifm-bonn.org/index.php?utid=107&id=101 Zahlen für 2011 |
| 62 | werden erst im September/Oktober 2012 vorliegen.] Sicher ist |
| 63 | dieser Anstieg nicht monokausal auf die Digitalisierung |
| 64 | zurückzuführen. Mit dieser sind jedoch die technischen |
| 65 | Grundlagen dafür geschaffen, arbeitsteilige |
| 66 | Produktionsprozesse auf hohem Niveau nicht länger nur in |
| 67 | hierarchisch zentralisierten, örtlich konzentrierten und auf |
| 68 | Dauer angelegten betrieblichen Strukturen, wie sie für das |
| 69 | Industriezeitalter typisch waren, zu gestalten, sondern im |
| 70 | Wege von Strategien der Modularisierung, Netzwerkbildung und |
| 71 | Virtualisierung standortverteilt, telekooperativ, variabel |
| 72 | und zeitlich begrenzt zu organisieren – und dies zu |
| 73 | vergleichsweise niedrigen Transaktionskosten. |
| 74 | |
| 75 | Neben den strukturellen Veränderungen der Rahmenbedingungen |
| 76 | ist die moderne Arbeitswelt auch durch den Wunsch vieler |
| 77 | Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen geprägt, ihr Arbeitsleben |
| 78 | flexibler zu gestalten. |
| 79 | |
| 80 | Im IT-Bereich zeigt sich insbesondere auch folgendes |
| 81 | Phänomen: In einigen Berufs- und Arbeitsfeldern haben sich |
| 82 | auf Seiten der Berufstätigen ein neues Selbstverständnis und |
| 83 | eine veränderte Anspruchshaltung an die Ausgestaltung des |
| 84 | Beschäftigungsverhältnisses entwickelt. Die Festanstellung |
| 85 | und der langjährige Verbleib bei einem Arbeitgeber sind |
| 86 | nicht immer das erklärte Ziel. Zum Beispiel nutzen |
| 87 | Softwareentwickler ganz bewusst die Selbstständigkeit und |
| 88 | freie berufliche Tätigkeit, um projektbezogen für einen |
| 89 | bestimmten Zeitraum für einen Auftraggeber zu arbeiten, ohne |
| 90 | die Festanstellung zum Ziel zu haben. |
| 91 | |
| 92 | Die ambivalenten Folgen der zuvor beschriebenen |
| 93 | Veränderungen der Erwerbssphäre sind heute überall auf dem |
| 94 | Arbeitsmarkt zu beobachten. Bestand die erste Welle der |
| 95 | Ich-AGs zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch vorwiegend aus |
| 96 | Solo-Selbstständigen [FN: Als Solo-Selbstständige gelten |
| 97 | Personen, die selbstständig, aber ohne weitere Beschäftigte |
| 98 | tätig sind – inhaltliche Prüfung folgt] die sich als |
| 99 | Einzelkämpfer durchschlugen, so arbeiten Freiberufler |
| 100 | heutzutage häufig projektbezogen in losen Netzwerken und |
| 101 | betreiben ihre Auftragsakquisition algorithmenbasiert auf |
| 102 | Online-Plattformen. Nicht zufällig ist der Abschied von |
| 103 | traditionellen Erwerbsformen im Bereich der IT-Wirtschaft |
| 104 | besonders deutlich zu beobachten. Der Branchenverband BITKOM |
| 105 | geht davon aus, dass etwa 18 Prozent der insgesamt 588.000 |
| 106 | Beschäftigten im Bereich Software und IT-Services |
| 107 | selbstständig Tätige sind (während deren Anteil in den |
| 108 | anderen Bereichen der Netzwirtschaft eher zu vernachlässigen |
| 109 | sei). [FN: Angaben des BITKOM per Mail vom 1. Dezember 2012 |
| 110 | – Prüfung folgt. Zahlen basierend auf BITKOM, Bundesbank, |
| 111 | Destatis, UN Comtrade.] Twago, eine |
| 112 | Online-Vermittlungsplattform für Projekte im IT- und |
| 113 | Designbereich, hat nach eigenen Angaben mittlerweile 120.000 |
| 114 | Teilnehmer. Der Anteil der Selbstständigen wachse dabei |
| 115 | überproportional, gibt Twago an, dies sei ein weltweit zu |
| 116 | beobachtender Trend. [FN: Vgl. Pressemitteilung von twago |
| 117 | vom 22. September 2011 auf openPR: IT-Arbeitsmarkt: |
| 118 | Selbstständige und Freiberufler auf dem Vormarsch. Abrufbar |
| 119 | unter: |
| 120 | http://www.openpr.de/news/572894/IT-Arbeitsmarkt-Selbststaen |
| 121 | dige-und-Freiberufler-auf-dem-Vormarsch-International-Freela |
| 122 | ncers-Day-am-23-09-.html] Auch Plattformen wie jovoto, die |
| 123 | Aufträge von Firmen entgegennehmen, um sie von einer |
| 124 | Online-Community freiberuflicher Kreativschaffender, |
| 125 | vorwiegend aus dem Design-Bereich, bearbeiten zu lassen, |
| 126 | erfreuen sich zunehmender Popularität. Zwischen Februar und |
| 127 | Mai 2011 ließ sich zudem nach Angaben von Deskmag bei |
| 128 | Coworking Spaces weltweit eine stabile Zuwachsrate von 17 |
| 129 | Prozent verzeichnen. [FN: Vgl. Foertsch, Carsten/deskmag: |
| 130 | Coworking wächst weiter. 2011. Abrufbar unter: |
| 131 | http://www.deskmag.com/de/820-coworking-spaces-weltweit-stat |
| 132 | istik ] |
| 133 | |
| 134 | All dies sind Anzeichen dafür, dass die Arbeitswelt der |
| 135 | Zukunft sich immer mehr in Richtung jener „Wikinomics“ |
| 136 | entwickeln könnte, die Don Tapscott und Anthony Williams |
| 137 | beschrieben haben. [FN: Vgl. Tapscott, Don/Williams, Anthony |
| 138 | D.: Wikinomics. 2006. ] Sie gehen davon aus, dass |
| 139 | kollaborative Zusammenarbeit, wie sie auf vernetzten |
| 140 | Plattformen in ungeahntem Ausmaß organisiert werden kann, |
| 141 | für die Ökonomien des 21. Jahrhunderts zu den wichtigsten |
| 142 | Produktionsfaktoren zählt. Zum Teil geht damit zweifellos |
| 143 | ein Gewinn an persönlicher Souveränität und Freiheit der |
| 144 | Arbeitenden einher. Die Auswirkungen neuer Formen der |
| 145 | Arbeitsorganisation und die Ausgestaltung von |
| 146 | Beschäftigungsverhältnissen beziehungsweise selbstständiger |
| 147 | Arbeit sind hinsichtlich sozialer Absicherung (inkl. |
| 148 | Alterssicherung) und Einkommensstrukturen höchst |
| 149 | unterschiedlich. Einzelne profitieren durch unabhängige und |
| 150 | freischaffende Tätigkeit als Freelancer oder |
| 151 | Selbstständigkeit insbesondere in der IT-Branche. Andere |
| 152 | berichten von zunehmender Verunsicherung hinsichtlich |
| 153 | sozialer Absicherung und Perspektiven einer Festanstellung. |
| 154 | |
| 155 | Zudem müssen Freiberufler sich neben den tätigkeitsbezogenen |
| 156 | Kompetenzen „verwaltende Fähigkeiten“ sowie solche des |
| 157 | Selbstmanagements aneignen und dafür entsprechend Zeit |
| 158 | einräumen, wie zum Beispiel für die Akquise von Aufträgen, |
| 159 | die Abrechnung etc. |
| 160 | |
| 161 | War selbstständiges Unternehmertum in der |
| 162 | Industriegesellschaft nur im Zusammenhang mit |
| 163 | wirtschaftlicher Autonomie denkbar, so hat sich dies stark |
| 164 | gewandelt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hatten |
| 165 | im Februar 2011 118.000 Selbstständige Grundsicherung in |
| 166 | Anspruch genommen. 85.000 davon verfügten über ein Einkommen |
| 167 | von weniger als 400 Euro, 25.000 hatten bis zu 800 Euro |
| 168 | verdient. [FN: Welt Online vom 14. Juni 2011: Mehr als |
| 169 | 100.000 Selbstständige brauchen Hartz IV. Abrufbar unter: |
| 170 | http://www.welt.de/wirtschaft/article13428747/Mehr-als-100-0 |
| 171 | 00-Selbststaendige-brauchen-Hartz-IV.html ] |
| 172 | |
| 173 | Auch die Systeme der sozialen Absicherung vermögen mit der |
| 174 | Entwicklung der Arbeitswelt nicht Schritt zu halten. |
| 175 | Freiberufliche Wissensarbeiter haben beispielsweise, so sie |
| 176 | nicht als Kreativschaffende in der Künstlersozialkasse |
| 177 | Mitglied werden können, keine Möglichkeit einer günstigen |
| 178 | Krankenversicherung. Zudem stellen viele Selbstständige |
| 179 | heute fest, dass ihre zukünftigen Rentenansprüche weniger |
| 180 | stark steigen als die von Angestellten, auch wenn sie |
| 181 | regelmäßig in die Rentenversicherung einzahlen, weil ihr |
| 182 | Einkommen weniger stark wächst als das der |
| 183 | Durchschnittsbevölkerung. Dies gilt insbesondere dann, wenn |
| 184 | sie nicht den vergleichsweise hohen Pflichtbeitrag in die |
| 185 | Rentenversicherung einzahlen (können), sondern nur den |
| 186 | freiwilligen Mindestbeitrag. Die Möglichkeit, sich als |
| 187 | Selbstständiger freiwillig gegen Arbeitslosigkeit zu |
| 188 | versichern, besteht gleichfalls nur in sehr eingeschränktem |
| 189 | Maße. Zudem sind die Möglichkeiten der kollektiven |
| 190 | Interessenvertretung begrenzt, da Selbstständige häufig |
| 191 | entweder nicht gewerkschaftlich organisiert sind oder die |
| 192 | Gewerkschaften außerhalb tarifrechtlicher Strukturen kaum |
| 193 | Einfluss ausüben können. |
| 194 | |
| 195 | Die zentralen Fragen für die Zukunft lauten entsprechend: |
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| 197 | Welche Voraussetzung müssen erfüllt sein, damit |
| 198 | selbstständiges Arbeiten jenseits der Festanstellung für die |
| 199 | Betroffenen tatsächlich einen Mehrgewinn an Freiheit und |
| 200 | persönlicher Autonomie bedeutet? |
| 201 | |
| 202 | Wie müssen die sozialen Sicherungssysteme der Zukunft |
| 203 | jenseits gesicherter Arbeitsplätze aussehen? |
| 204 | |
| 205 | Welche Strukturen der Interessenvertretung können auch |
| 206 | Selbstständigen eine kollektive Vertretung gegenüber ihren |
| 207 | Auftraggebern ermöglichen? |
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