Papier: 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft - Teil 3
Originalversion
| 1 | Der Gliederungspunkt 2.2.1 umfasst im Arbeitsprogramm |
| 2 | mehrere Spiegelstriche mit verschiedenen Aspekten. Zu den |
| 3 | Punkten Digitalisierung als Produktionsfaktor, Rolle von |
| 4 | Algorithmen etwa beim Börsenhandel, bei den Empfehlungen von |
| 5 | Handelsportalen, in der Kreativwirtschaft (Contentfarmen) |
| 6 | hat sich die Projektgruppe in ihrer Sitzung vom 21.11.2011 |
| 7 | auf den folgenden Text verständigt: |
| 8 | |
| 9 | |
| 10 | (Bitte beachten Sie auch |
| 11 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft und |
| 12 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft - |
| 13 | Teil 2) |
| 14 | |
| 15 | |
| 16 | 3. Börse |
| 17 | |
| 18 | „Vorstellbar wäre sogar, dass alle Handelsteilnehmer ihre |
| 19 | Aufträge von Algorithmen abarbeiten lassen.“ |
| 20 | (Frank Gerstenschläger, Vorstand Kassamarkt der Deutsche |
| 21 | Börse AG, FAZ 16.04.2009 [FN: |
| 22 | http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/im-gespraech-fran |
| 23 | k-gerstenschlaeger-vorstand-kassamarkt-der-deutsche-boerse-a |
| 24 | g-das-boersenparkett-wird-bestehen-bleiben-1781458.html ]) |
| 25 | |
| 26 | Während der Handel auf den Aktienmärkten traditionellerweise |
| 27 | von Händlern betrieben wurde, die Kaufs- und |
| 28 | Verkaufsaufträge zunächst per Zuruf, später per Mausklick |
| 29 | zur Ausführung brachten, sind mittlerweile große Teile des |
| 30 | Börsenhandels automatisiert. Im Rahmen des sogenannten |
| 31 | Algo-Tradings, des Hochgeschwindigkeitshandels, sind es |
| 32 | Computer, die auf der Grundlage von Algorithmen |
| 33 | „Entscheidungen“ über Käufe und Verkäufe von Aktien treffen. |
| 34 | Während im Jahr 2007 nur 50% des weltweiten Aktienhandels |
| 35 | auf den Hochgeschwindigkeitshandel entfielen [FN: |
| 36 | http://www.zew.de/de/presse/1429/algo-trading-birgt-risiken- |
| 37 | fuer-die-stabilitaet-der-finanzmaerkte ], waren es im Jahr |
| 38 | 2009 bereits 70%. [FN: |
| 39 | http://www.themistrading.com/article_files/0000/0475/THEM_-- |
| 40 | _Why_Institutional_Investors_Should_Be_Concerned_About_High_ |
| 41 | Frequency_Traders_--_Final.pdf ] Für das deutsche |
| 42 | Handelssystem Xetra geht man im Jahr 2011 von einem 60%igen |
| 43 | Anteil aus. [FN: |
| 44 | http://boerse.ard.de/content.jsp?key=dokument_554502] Der |
| 45 | hohe Anteil des Algotradings am Gesamthandel wird als eine |
| 46 | Gefahr für die Stabilität der Aktienmärkte gesehen. Einer im |
| 47 | April 2010 veröffentlichten Befragung des Mannheimer |
| 48 | Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zufolge |
| 49 | vermuten 68% der Finanzmarktexperten einen negativen bis |
| 50 | sehr negativen Einfluss auf die Stabilität der Finanzmärkte. |
| 51 | [FN: ZEW Finanzmarktreport 18. Jg. April 2010, S. 3.] |
| 52 | |
| 53 | Wie Algotrading funktioniert, haben Sal L. Arnuk und Joseph |
| 54 | Saluzzi im Dezember 2008 in einem vielbeachteten Whitepaper |
| 55 | erklärt. [FN: |
| 56 | http://www.themistrading.com/article_files/0000/0348/Toxic_E |
| 57 | quity_Trading_on_Wall_Street_12-17-08.pdf ] Institutionelle |
| 58 | Anleger, etwa Fonds oder Banken, kaufen oder verkaufen, wenn |
| 59 | sie Investitionsentscheidungen treffen, typischerweise nicht |
| 60 | nur eine Handvoll Aktien, sondern große Volumina. Händler |
| 61 | geben diese Aufträge in ein automatisiertes Handelssystem |
| 62 | ein. Um eine Order erfolgreich und möglichst günstig |
| 63 | ausführen zu können, wird sie in mehrere kleine Teile |
| 64 | aufgesplittet. Solche Orders sind daran zu erkennen, dass |
| 65 | sie typischerweise Volumina von 100 oder 500 Stück umfassen. |
| 66 | Wenn also ein Handelssystem von einem institutionellen |
| 67 | Anleger den Auftrag erhält, eine große Menge Aktien zu einem |
| 68 | Preis von bis zu 20,05 Euro zu erwerben, platziert dieses |
| 69 | möglicherweise zunächst eine Kauforder für nur 100 Aktien. |
| 70 | Gelingt es, diese zu einem Stückpreis von 20,00 Euro zu |
| 71 | erwerben, so platziert das System als nächstes eine |
| 72 | Kauforder für 500 Stück. Ein Hochgeschwindigkeitsrechner |
| 73 | kann hieran automatisch erkennen, dass es sich um einen |
| 74 | großen Kaufauftrag eines institutionellen Anlegers handelt, |
| 75 | der „scheibchenweise“ ausgeführt werden soll. Bevor der |
| 76 | Investor damit fortfahren kann, platziert der |
| 77 | Hochgeschwindigkeitsrechner ein Kaufangebot für 100 Stück |
| 78 | zum Preis von 20,01 Euro. Da er kurzfristig mehr bietet als |
| 79 | der institutionelle Anleger, werden die Verkäufer die Aktien |
| 80 | an ihn verkaufen statt an jenen. Geschieht dies, platziert |
| 81 | der High-Frequency-Trading-Algorithmus als nächstes ein |
| 82 | Verkaufsangebot zum Preis von 20,01 Euro und verkauft die |
| 83 | Aktien an den institutionellen Investor weiter. Dieser hat |
| 84 | also einen Cent pro Aktie mehr gezahlt als er ohne Zutun des |
| 85 | HFT-Algos hätte zahlen müssen, während der HFT-Algorithmus |
| 86 | zum gleichen Preis gekauft und verkauft hat. Er hat trotzdem |
| 87 | einen Gewinn gemacht, weil der Handelsplatz, der an jeder |
| 88 | Transaktion Gebühren verdient, ihm einen Rabatt von |
| 89 | beispielsweise einem Viertel Cent gewährt. |
| 90 | |
| 91 | Als besonders problematisch gilt der sogenannte |
| 92 | „Raubtieralgorithmus“. Dabei nutzt der HFT-Algo die oben |
| 93 | beschriebene Methode, um eine Order als die eines |
| 94 | institutionellen Anlegers zu identifizieren. Unter |
| 95 | Ausnutzung seines Liquiditätsrabatts treibt er den Preis |
| 96 | schrittweise in die Höhe, bis er das vom institutionellen |
| 97 | Anleger gesetzte Limit erreicht hat. Zu diesem Preis |
| 98 | vollzieht er dann einen Leerverkauf, im Wissen, dass der |
| 99 | Kurs mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder fallen wird. Sobald |
| 100 | dies geschieht, covert er. Innerhalb weniger Sekunden |
| 101 | können auf diese Weise starke Kursschwankungen entstehen. |
| 102 | |
| 103 | Eine weitere beachtenswerte Tradingmethode im HFT-Handel ist |
| 104 | das Pinging. Es beruht auf der |
| 105 | Immediate-or-cancel-Systematik, also der Möglichkeit, Orders |
| 106 | zu platzieren und sie, so sie nicht ausgeführt werden, |
| 107 | sofort wieder zu annulieren. Die HFT-Algos können dies im |
| 108 | Bruchteil von Sekunden vollziehen. So sind sie in der Lage, |
| 109 | versteckte Limits institutioneller Anleger auszutesten. Ein |
| 110 | institutioneller Anleger ist beispielsweise bereit, Aktien |
| 111 | zu einem Preis von bis zu 20,03 Euro zu erwerben, bietet |
| 112 | jedoch zunächst nur 20,00 Euro. Der HFT-Algorithmus |
| 113 | identifiziert diese Order nach der eingangs beschriebenen |
| 114 | Methode als die eines institutionellen Anlegers. Alsdann |
| 115 | platziert er eine Verkaufsorder zum Preis von beispielsweise |
| 116 | 20,05 Euro. Da kein Verkauf zustande kommt, cancelt er die |
| 117 | Order und platziert als nächstes ein Verkaufsangebot von |
| 118 | 20,04 Euro. Wiederum erfolgt keine Reaktion. Der Algorithmus |
| 119 | geht auf 20,03 Euro, und diesmal wird die Order ausgeführt. |
| 120 | Der HFT-Algorithmus kennt nun das Oberlimit des |
| 121 | institutionellen Anlegers. Er wendet sich nun wieder dem |
| 122 | Markt zu und überbietet dort den institutionellen Anleger um |
| 123 | einen Cent, kauft also für 20,01 Euro weitere Aktien auf, um |
| 124 | sie dem institutionellen Anleger für 20,03 Euro |
| 125 | weiterzuverkaufen. |
| 126 | |
| 127 | Sämtliche dieser Tradingmethoden gehen auf Kosten der |
| 128 | institutionellen Anleger, da sie darauf basieren, einen |
| 129 | Preis künstlich in die Höhe zu treiben, von einem |
| 130 | Liquiditätsrabatt zu profitieren und/oder einen |
| 131 | Geschwindigkeitsvorsprung auszunutzen. Es handelt sich also |
| 132 | um keine nachhaltige Handelsstrategie. Die ursprüngliche |
| 133 | Rechtfertigung für das Zulassen solchen Handelns besteht in |
| 134 | einem vermeintlichen Liquiditätszuwachs. Eine Steigerung der |
| 135 | Handelsvolumina, wie sie durch HFT unzweifelhaft bewirkt |
| 136 | werden, wird traditionell als Gewinn an Stabilität |
| 137 | verstanden, da man davon ausgeht, dass umso mehr Liquidität |
| 138 | am Markt ist, je mehr gehandelt wird. Dies ist jedoch ein |
| 139 | Trugschluss. Die für den traditionellen Handel geltende |
| 140 | Logik lässt sich auf das algorithmenbasierte HFT gerade |
| 141 | nicht übertragen, da die Hochleistungsrechner im Fall von |
| 142 | Verlusten dem Markt ihre Liquidität jederzeit wieder |
| 143 | entziehen. Statt Märkte zu stabilisieren, führt HFT deshalb |
| 144 | zu einer Destabilisierung des Finanzsystems. |
| 145 | |
| 146 | Warum das so ist, wird verständlich, wenn man sich die |
| 147 | Kettenreaktion ansieht, die im Falle eines nicht |
| 148 | auszuschließenden Scheiterns der oben beschriebenen |
| 149 | Tradingstrategien entsteht. Bleiben wir beim Beispiel des |
| 150 | durch Pinging hochgepushten Kurses. Der letztendliche Erfolg |
| 151 | dieser Strategie hängt allein davon ab, ob es dem HFT |
| 152 | gelingt, die zum Zwecke des Weiterverkaufs an den |
| 153 | institutionellen Anleger erworbenen Aktienvolumina |
| 154 | tatsächlich zu verkaufen. Es kann nicht ausgeschlossen |
| 155 | werden, dass der HFT zu viele Aktien erworben hat und nicht |
| 156 | alle zum erstrebten Preis absetzen kann. Automatisch wird er |
| 157 | sein Verkaufsangebot dann schrittweise reduzieren. Bietet |
| 158 | der Markt keine entsprechende Nachfrage, kann es zu |
| 159 | schnellen Kursstürzen, jedenfalls aber zu starken |
| 160 | Kursschwankungen kommen. Da institutionelle und Kleinanleger |
| 161 | auf die von ihnen gehaltenen Positionen in der Regel |
| 162 | Stop-Loss-Limits gesetzt haben, kommt es bei Erreichen |
| 163 | dieser Verlustbegrenzung zu massenhaften automatischen |
| 164 | Verkäufen und damit zu hohen Kapitalverlusten. |
| 165 | |
| 166 | Deutlich wurde dies bei dem sogenannten Flash Crash vom 6. |
| 167 | Mai 2010, als der Dow Jones innerhalb von 25 Minuten um |
| 168 | 1.000 Punkte abstürzte und dabei Kapitalverluste in Höhe von |
| 169 | 862 Milliarden Dollar verursachte. Die Aktie von Phillip |
| 170 | Morris fiel dabei beispielsweise von 49 auf 17 Dollar, bevor |
| 171 | sie sich wieder „erholte“ und bei 47 Dollar stabilisierte. |
| 172 | Tausende von Ordern, die mehr als 50% unterhalb des vor dem |
| 173 | Kurssturz geltenden Kurses ausgeführt wurden, stornierten |
| 174 | die Handelsplätze nachträglich. Bemerkenswert ist, dass die |
| 175 | HFT die ihnen zugeschriebene Funktion, im Bedarfsfall |
| 176 | Liquidität zur Verfügung zu stellen, nicht erfüllten, |
| 177 | sondern im Gegenteil dem Markt zur Begrenzung eigener |
| 178 | Verluste Liquidität in hohem Umfang entzogen. |
| 179 | |
| 180 | Profiteure des HFT sind neben den entsprechenden Firmen vor |
| 181 | allem die Börsenplätze. Für sie zahlt sich aus, dass HFT das |
| 182 | Handelsvolumen künstlich in die Höhe treiben, denn die Börse |
| 183 | verdient an jeder Order Gebühren. Da jeder Kauforder eines |
| 184 | HFT eine Verkaufsorder eines anderen Marktteilnehmers |
| 185 | gegenübersteht (und umgekehrt), lohnt es sich für die Börse, |
| 186 | den HFT Gebühren zu erlassen und ihnen zudem einen |
| 187 | Liquiditätsrabatt zu gewähren, der es ihnen ermöglicht, auch |
| 188 | dann noch Gewinne zu machen, wenn sie zum selben Preis |
| 189 | verkaufen, wie sie gekauft haben. Manche Börsenbetreiber |
| 190 | gewähren bis zu einem Viertel eines Pennys pro Aktie Rabatt |
| 191 | an Broker-Dealer, wenn diese eine Order platzieren, |
| 192 | verdienen aber daran, dass sie dem Gegenpart, der die Order |
| 193 | zur Ausführung bringt (also dem jeweiligen Käufer bzw. |
| 194 | Verkäufer) eine höhere Transaktionsgebühr in Rechnung |
| 195 | stellen. [FN: Johannes Gomolka: Algorithmic Trading. Analyse |
| 196 | von computergesteuerten Prozessen im Wertpapierhandel unter |
| 197 | Verwendung der Multifaktorenregression. Potsdam: |
| 198 | Universitätsverlag Potsdam 2010, S. 162.] Dieses sogenannte |
| 199 | Maker-Taker-Modell ist mittlerweile in Europa ebenso üblich |
| 200 | wie in den USA. Außerdem verdienen die Börsen an der |
| 201 | Vermietung von sogenannten Co-Location-Spaces. Da der Erfolg |
| 202 | des HFT zunehmend von der Geschwindigkeit der |
| 203 | Datenübertragung abhängt, haben auf diesem Gebiet tätige |
| 204 | Handelsfirmen ein großes Interesse daran, räumlich so nahe |
| 205 | wie möglich an den Rechenzentren der Handelsplätze selbst |
| 206 | angesiedelt zu sein. Die Rede ist hier von der Latency |
| 207 | Arbitrage, also vom Vorteil, den Handelsfirmen allein |
| 208 | aufgrund ihrer besseren Datenleitung genießen. Der |
| 209 | Latenzvorteil, den die örtliche Nähe mit sich bringt, hat |
| 210 | rund um die Börsenplätze fußballfeldgroße Technikclustern |
| 211 | entstehen lassen. Die NYSE hat beispielsweise 2009 eine 120 |
| 212 | Quadratmeter große Colocation in New Jersey und eine weitere |
| 213 | bei London bauen lassen, zu Kosten von 500 Millionen Dollar. |
| 214 | [FN: The Wall Street Journal, 30. Juli 2009, |
| 215 | http://www.efinancialnews.com/story/2009-07-31/nyses-fast-tr |
| 216 | ade-hub-rises-up-in-new-jersey ] Diese Investitionen |
| 217 | rentieren sich offenbar aufgrund der Mieteinnahmen, die die |
| 218 | HFT-Firmen zu zahlen bereit sind. Die Miete rentiert sich |
| 219 | ihrerseits offenbar aufgrund der dadurch erlangten |
| 220 | Handelsvorteile. |
| 221 | |
| 222 | Nicht zuletzt aber verdienen die Börsen an proprietären |
| 223 | Datafeeds, die sie an die Betreiber der |
| 224 | Hochgeschwindigkeitsrechner verkaufen. [FN: |
| 225 | http://blog.themistrading.com/wp-content/uploads/2010/05/THE |
| 226 | MIS-Data-Theft-On-Wall-Street-05-11-10.pdf ] Hier bietet |
| 227 | sich ein Vergleich mit sozialen Netzwerken an: So wie |
| 228 | Facebook Nutzungsdaten der user sammelt, um sie an |
| 229 | Werbetreibende zu verkaufen, sammeln die Handelsplätze Daten |
| 230 | ihrer privaten und institutionellen Kunden und verkaufen sie |
| 231 | als „Direct Feed“ an die HFT-Firmen. In den USA heißen diese |
| 232 | direct feeds etwa BATS PITCH oder TotalView-ITCH, in |
| 233 | Deutschland gibt es den AlphaFlash („ultraschnelle |
| 234 | Wirtschaftsdaten und Ad-hoc-Nachrichten für |
| 235 | Algo-Trading-Applikationen“) [FN: |
| 236 | http://deutsche-boerse.com/dbag/dispatch/de/listcontent/gdb_ |
| 237 | navigation/mda/200_market_data/500_news_services/Content_Fil |
| 238 | es/news_services_products/mda_sp_alphaflash.htm ], den High |
| 239 | Performance Xetra Data Feed („all order book updates on an |
| 240 | un-netted basis as soon as they occur“ ) sowie verschiedene |
| 241 | andere Angebote. [FN: |
| 242 | http://deutsche-boerse.com/dbag/dispatch/en/binary/gdb_conte |
| 243 | nt_pool/imported_files/public_files/10_downloads/50_informat |
| 244 | ions_services/10_market_data_dissemination/11_information_pr |
| 245 | oducts/10_spot_market/CEF_ultra_+_Xetra.pdf] Der Vorteil von |
| 246 | direct data feeds besteht darin, Orderdaten und Volumina der |
| 247 | Aufträge von institutionellen und Kleinanlegern schon zu |
| 248 | kennen, bevor sie auf dem jeweiligen Marktplatz platziert |
| 249 | werden, um die eigene Tradingstrategie darauf ausrichten zu |
| 250 | können. Ähnlich wie bei Facebook werden bei den gängigen |
| 251 | feeds die Daten natürlich in anonymisierter Form verkauft, |
| 252 | jedoch so, dass sie von den Hochleistungsrechnern |
| 253 | automatisch ausgewertet werden können. So wird es möglich, |
| 254 | dass beispielsweise eine Kauforder, die eine Bank für einen |
| 255 | ihrer Privatkunden in das Handelssystem eingibt, noch vor |
| 256 | der Platzierung am Handelsplatz an einen HFT übermittelt |
| 257 | wird, der daraufhin ggf. in der oben beschriebenen Weise den |
| 258 | Preis hochtreiben und die Differenz als Gewinn verbuchen |
| 259 | kann. |
| 260 | |
| 261 | 65% der vom Mannheimer Zentrum für Europäische |
| 262 | Wirtschaftsforschung befragten Fachleute halten die |
| 263 | bisherige gesetzliche Regulierung des |
| 264 | Hochgeschwindigkeitshandels für unzureichend. [FN: ZEW |
| 265 | Finanzmarktreport 18. Jg. April 2010, S. 3.] Wie die obige |
| 266 | Beschreibung gezeigt hat, stellen die in der öffentlichen |
| 267 | Diskussion besonders präsenten Leerverkäufe nur ein |
| 268 | Teilproblem dar, und selbst dieses Teilproblem ist im |
| 269 | Wesentlichen ungelöst. So hat beispielsweise der deutsche |
| 270 | Gesetzgeber das Verbot von ungedeckten Leerverkäufen stark |
| 271 | beschränkt, nämlich auf deutsche Aktien und Staatstitel der |
| 272 | Eurozone sowie Kreditversicherungen auf Staatstitel der |
| 273 | Eurozone, die keinen Absicherungszwecken dienen, statt ein |
| 274 | umfassendes Verbot solcher Geschäfte zu beschließen. |
| 275 | |
| 276 | Dass die Stabilität der Aktienmärkte für die |
| 277 | Gesamtwirtschaft eines Landes wie der Weltwirtschaft von |
| 278 | entscheidender Bedeutung ist, zeigt sich beispielsweise an |
| 279 | den Versuchen, europäische Volkswirtschaften wie die |
| 280 | griechische durch sogenannte „Hilfspakete“ vor dem Bankrott |
| 281 | zu retten. Die Anfälligkeit der internationalen Finanzmärkte |
| 282 | für Kursstürze und Krisen hängt nicht zuletzt mit dem |
| 283 | mittlerweile extrem hohen Anteil des Algotradings am |
| 284 | Gesamthandelsvolumen zusammen. Durch High Frequency Trading |
| 285 | entsteht die Illusion eines stabilen, gesunden, da mit |
| 286 | genügend flüssigen Geldmitteln ausgestatteten Kapitalmarkts. |
| 287 | Tatsächlich hat sich jedoch gezeigt, dass gerade High |
| 288 | Frequency Trader dem Markt die Liquidität, die sie ihm zur |
| 289 | Verfügung stellen, jederzeit wieder entziehen, um ihre |
| 290 | Verluste zu begrenzen. Finanzkrisen haben insofern eine |
| 291 | Auswirkung auf die Wirtschaft, als die „Rettungsaktionen“ |
| 292 | nationaler Regierungen letztlich durch Steuergelder |
| 293 | gegenfinanziert werden müssen. Steigen jedoch die Steuern, |
| 294 | sinkt der Konsum, was wiederum das Wirtschaftswachstum |
| 295 | bremst. |
| 296 | |
| 297 | |
| 298 | Bitte beachten Sie auch |
| 299 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft und |
| 300 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft - |
| 301 | Teil 2 |
Der Text verglichen mit der Originalversion
| 1 | Der Gliederungspunkt 2.2.1 umfasst im Arbeitsprogramm |
| 2 | mehrere Spiegelstriche mit verschiedenen Aspekten. Zu den |
| 3 | Punkten Digitalisierung als Produktionsfaktor, Rolle von |
| 4 | Algorithmen etwa beim Börsenhandel, bei den Empfehlungen von |
| 5 | Handelsportalen, in der Kreativwirtschaft (Contentfarmen) |
| 6 | hat sich die Projektgruppe in ihrer Sitzung vom 21.11.2011 |
| 7 | auf den folgenden Text verständigt: |
| 8 | |
| 9 | |
| 10 | (Bitte beachten Sie auch |
| 11 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft und |
| 12 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft - |
| 13 | Teil 2) |
| 14 | |
| 15 | |
| 16 | 3. Börse |
| 17 | |
| 18 | „Vorstellbar wäre sogar, dass alle Handelsteilnehmer ihre |
| 19 | Aufträge von Algorithmen abarbeiten lassen.“ |
| 20 | (Frank Gerstenschläger, Vorstand Kassamarkt der Deutsche |
| 21 | Börse AG, FAZ 16.04.2009 [FN: |
| 22 | http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/im-gespraech-fran |
| 23 | k-gerstenschlaeger-vorstand-kassamarkt-der-deutsche-boerse-a |
| 24 | g-das-boersenparkett-wird-bestehen-bleiben-1781458.html ]) |
| 25 | |
| 26 | Während der Handel auf den Aktienmärkten traditionellerweise |
| 27 | von Händlern betrieben wurde, die Kaufs- und |
| 28 | Verkaufsaufträge zunächst per Zuruf, später per Mausklick |
| 29 | zur Ausführung brachten, sind mittlerweile große Teile des |
| 30 | Börsenhandels automatisiert. Im Rahmen des sogenannten |
| 31 | Algo-Tradings, des Hochgeschwindigkeitshandels, sind es |
| 32 | Computer, die auf der Grundlage von Algorithmen |
| 33 | „Entscheidungen“ über Käufe und Verkäufe von Aktien treffen. |
| 34 | Während im Jahr 2007 nur 50% des weltweiten Aktienhandels |
| 35 | auf den Hochgeschwindigkeitshandel entfielen [FN: |
| 36 | http://www.zew.de/de/presse/1429/algo-trading-birgt-risiken- |
| 37 | fuer-die-stabilitaet-der-finanzmaerkte ], waren es im Jahr |
| 38 | 2009 bereits 70%. [FN: |
| 39 | http://www.themistrading.com/article_files/0000/0475/THEM_-- |
| 40 | _Why_Institutional_Investors_Should_Be_Concerned_About_High_ |
| 41 | Frequency_Traders_--_Final.pdf ] Für das deutsche |
| 42 | Handelssystem Xetra geht man im Jahr 2011 von einem 60%igen |
| 43 | Anteil aus. [FN: |
| 44 | http://boerse.ard.de/content.jsp?key=dokument_554502] Der |
| 45 | hohe Anteil des Algotradings am Gesamthandel wird als eine |
| 46 | Gefahr für die Stabilität der Aktienmärkte gesehen. Einer im |
| 47 | April 2010 veröffentlichten Befragung des Mannheimer |
| 48 | Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zufolge |
| 49 | vermuten 68% der Finanzmarktexperten einen negativen bis |
| 50 | sehr negativen Einfluss auf die Stabilität der Finanzmärkte. |
| 51 | [FN: ZEW Finanzmarktreport 18. Jg. April 2010, S. 3.] |
| 52 | |
| 53 | Wie Algotrading funktioniert, haben Sal L. Arnuk und Joseph |
| 54 | Saluzzi im Dezember 2008 in einem vielbeachteten Whitepaper |
| 55 | erklärt. [FN: |
| 56 | http://www.themistrading.com/article_files/0000/0348/Toxic_E |
| 57 | quity_Trading_on_Wall_Street_12-17-08.pdf ] Institutionelle |
| 58 | Anleger, etwa Fonds oder Banken, kaufen oder verkaufen, wenn |
| 59 | sie Investitionsentscheidungen treffen, typischerweise nicht |
| 60 | nur eine Handvoll Aktien, sondern große Volumina. Händler |
| 61 | geben diese Aufträge in ein automatisiertes Handelssystem |
| 62 | ein. Um eine Order erfolgreich und möglichst günstig |
| 63 | ausführen zu können, wird sie in mehrere kleine Teile |
| 64 | aufgesplittet. Solche Orders sind daran zu erkennen, dass |
| 65 | sie typischerweise Volumina von 100 oder 500 Stück umfassen. |
| 66 | Wenn also ein Handelssystem von einem institutionellen |
| 67 | Anleger den Auftrag erhält, eine große Menge Aktien zu einem |
| 68 | Preis von bis zu 20,05 Euro zu erwerben, platziert dieses |
| 69 | möglicherweise zunächst eine Kauforder für nur 100 Aktien. |
| 70 | Gelingt es, diese zu einem Stückpreis von 20,00 Euro zu |
| 71 | erwerben, so platziert das System als nächstes eine |
| 72 | Kauforder für 500 Stück. Ein Hochgeschwindigkeitsrechner |
| 73 | kann hieran automatisch erkennen, dass es sich um einen |
| 74 | großen Kaufauftrag eines institutionellen Anlegers handelt, |
| 75 | der „scheibchenweise“ ausgeführt werden soll. Bevor der |
| 76 | Investor damit fortfahren kann, platziert der |
| 77 | Hochgeschwindigkeitsrechner ein Kaufangebot für 100 Stück |
| 78 | zum Preis von 20,01 Euro. Da er kurzfristig mehr bietet als |
| 79 | der institutionelle Anleger, werden die Verkäufer die Aktien |
| 80 | an ihn verkaufen statt an jenen. Geschieht dies, platziert |
| 81 | der High-Frequency-Trading-Algorithmus als nächstes ein |
| 82 | Verkaufsangebot zum Preis von 20,01 Euro und verkauft die |
| 83 | Aktien an den institutionellen Investor weiter. Dieser hat |
| 84 | also einen Cent pro Aktie mehr gezahlt als er ohne Zutun des |
| 85 | HFT-Algos hätte zahlen müssen, während der HFT-Algorithmus |
| 86 | zum gleichen Preis gekauft und verkauft hat. Er hat trotzdem |
| 87 | einen Gewinn gemacht, weil der Handelsplatz, der an jeder |
| 88 | Transaktion Gebühren verdient, ihm einen Rabatt von |
| 89 | beispielsweise einem Viertel Cent gewährt. |
| 90 | |
| 91 | Als besonders problematisch gilt der sogenannte |
| 92 | „Raubtieralgorithmus“. Dabei nutzt der HFT-Algo die oben |
| 93 | beschriebene Methode, um eine Order als die eines |
| 94 | institutionellen Anlegers zu identifizieren. Unter |
| 95 | Ausnutzung seines Liquiditätsrabatts treibt er den Preis |
| 96 | schrittweise in die Höhe, bis er das vom institutionellen |
| 97 | Anleger gesetzte Limit erreicht hat. Zu diesem Preis |
| 98 | vollzieht er dann einen Leerverkauf, im Wissen, dass der |
| 99 | Kurs mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder fallen wird. Sobald |
| 100 | dies geschieht, covert er. Innerhalb weniger Sekunden |
| 101 | können auf diese Weise starke Kursschwankungen entstehen. |
| 102 | |
| 103 | Eine weitere beachtenswerte Tradingmethode im HFT-Handel ist |
| 104 | das Pinging. Es beruht auf der |
| 105 | Immediate-or-cancel-Systematik, also der Möglichkeit, Orders |
| 106 | zu platzieren und sie, so sie nicht ausgeführt werden, |
| 107 | sofort wieder zu annulieren. Die HFT-Algos können dies im |
| 108 | Bruchteil von Sekunden vollziehen. So sind sie in der Lage, |
| 109 | versteckte Limits institutioneller Anleger auszutesten. Ein |
| 110 | institutioneller Anleger ist beispielsweise bereit, Aktien |
| 111 | zu einem Preis von bis zu 20,03 Euro zu erwerben, bietet |
| 112 | jedoch zunächst nur 20,00 Euro. Der HFT-Algorithmus |
| 113 | identifiziert diese Order nach der eingangs beschriebenen |
| 114 | Methode als die eines institutionellen Anlegers. Alsdann |
| 115 | platziert er eine Verkaufsorder zum Preis von beispielsweise |
| 116 | 20,05 Euro. Da kein Verkauf zustande kommt, cancelt er die |
| 117 | Order und platziert als nächstes ein Verkaufsangebot von |
| 118 | 20,04 Euro. Wiederum erfolgt keine Reaktion. Der Algorithmus |
| 119 | geht auf 20,03 Euro, und diesmal wird die Order ausgeführt. |
| 120 | Der HFT-Algorithmus kennt nun das Oberlimit des |
| 121 | institutionellen Anlegers. Er wendet sich nun wieder dem |
| 122 | Markt zu und überbietet dort den institutionellen Anleger um |
| 123 | einen Cent, kauft also für 20,01 Euro weitere Aktien auf, um |
| 124 | sie dem institutionellen Anleger für 20,03 Euro |
| 125 | weiterzuverkaufen. |
| 126 | |
| 127 | Sämtliche dieser Tradingmethoden gehen auf Kosten der |
| 128 | institutionellen Anleger, da sie darauf basieren, einen |
| 129 | Preis künstlich in die Höhe zu treiben, von einem |
| 130 | Liquiditätsrabatt zu profitieren und/oder einen |
| 131 | Geschwindigkeitsvorsprung auszunutzen. Es handelt sich also |
| 132 | um keine nachhaltige Handelsstrategie. Die ursprüngliche |
| 133 | Rechtfertigung für das Zulassen solchen Handelns besteht in |
| 134 | einem vermeintlichen Liquiditätszuwachs. Eine Steigerung der |
| 135 | Handelsvolumina, wie sie durch HFT unzweifelhaft bewirkt |
| 136 | werden, wird traditionell als Gewinn an Stabilität |
| 137 | verstanden, da man davon ausgeht, dass umso mehr Liquidität |
| 138 | am Markt ist, je mehr gehandelt wird. Dies ist jedoch ein |
| 139 | Trugschluss. Die für den traditionellen Handel geltende |
| 140 | Logik lässt sich auf das algorithmenbasierte HFT gerade |
| 141 | nicht übertragen, da die Hochleistungsrechner im Fall von |
| 142 | Verlusten dem Markt ihre Liquidität jederzeit wieder |
| 143 | entziehen. Statt Märkte zu stabilisieren, führt HFT deshalb |
| 144 | zu einer Destabilisierung des Finanzsystems. |
| 145 | |
| 146 | Warum das so ist, wird verständlich, wenn man sich die |
| 147 | Kettenreaktion ansieht, die im Falle eines nicht |
| 148 | auszuschließenden Scheiterns der oben beschriebenen |
| 149 | Tradingstrategien entsteht. Bleiben wir beim Beispiel des |
| 150 | durch Pinging hochgepushten Kurses. Der letztendliche Erfolg |
| 151 | dieser Strategie hängt allein davon ab, ob es dem HFT |
| 152 | gelingt, die zum Zwecke des Weiterverkaufs an den |
| 153 | institutionellen Anleger erworbenen Aktienvolumina |
| 154 | tatsächlich zu verkaufen. Es kann nicht ausgeschlossen |
| 155 | werden, dass der HFT zu viele Aktien erworben hat und nicht |
| 156 | alle zum erstrebten Preis absetzen kann. Automatisch wird er |
| 157 | sein Verkaufsangebot dann schrittweise reduzieren. Bietet |
| 158 | der Markt keine entsprechende Nachfrage, kann es zu |
| 159 | schnellen Kursstürzen, jedenfalls aber zu starken |
| 160 | Kursschwankungen kommen. Da institutionelle und Kleinanleger |
| 161 | auf die von ihnen gehaltenen Positionen in der Regel |
| 162 | Stop-Loss-Limits gesetzt haben, kommt es bei Erreichen |
| 163 | dieser Verlustbegrenzung zu massenhaften automatischen |
| 164 | Verkäufen und damit zu hohen Kapitalverlusten. |
| 165 | |
| 166 | Deutlich wurde dies bei dem sogenannten Flash Crash vom 6. |
| 167 | Mai 2010, als der Dow Jones innerhalb von 25 Minuten um |
| 168 | 1.000 Punkte abstürzte und dabei Kapitalverluste in Höhe von |
| 169 | 862 Milliarden Dollar verursachte. Die Aktie von Phillip |
| 170 | Morris fiel dabei beispielsweise von 49 auf 17 Dollar, bevor |
| 171 | sie sich wieder „erholte“ und bei 47 Dollar stabilisierte. |
| 172 | Tausende von Ordern, die mehr als 50% unterhalb des vor dem |
| 173 | Kurssturz geltenden Kurses ausgeführt wurden, stornierten |
| 174 | die Handelsplätze nachträglich. Bemerkenswert ist, dass die |
| 175 | HFT die ihnen zugeschriebene Funktion, im Bedarfsfall |
| 176 | Liquidität zur Verfügung zu stellen, nicht erfüllten, |
| 177 | sondern im Gegenteil dem Markt zur Begrenzung eigener |
| 178 | Verluste Liquidität in hohem Umfang entzogen. |
| 179 | |
| 180 | Profiteure des HFT sind neben den entsprechenden Firmen vor |
| 181 | allem die Börsenplätze. Für sie zahlt sich aus, dass HFT das |
| 182 | Handelsvolumen künstlich in die Höhe treiben, denn die Börse |
| 183 | verdient an jeder Order Gebühren. Da jeder Kauforder eines |
| 184 | HFT eine Verkaufsorder eines anderen Marktteilnehmers |
| 185 | gegenübersteht (und umgekehrt), lohnt es sich für die Börse, |
| 186 | den HFT Gebühren zu erlassen und ihnen zudem einen |
| 187 | Liquiditätsrabatt zu gewähren, der es ihnen ermöglicht, auch |
| 188 | dann noch Gewinne zu machen, wenn sie zum selben Preis |
| 189 | verkaufen, wie sie gekauft haben. Manche Börsenbetreiber |
| 190 | gewähren bis zu einem Viertel eines Pennys pro Aktie Rabatt |
| 191 | an Broker-Dealer, wenn diese eine Order platzieren, |
| 192 | verdienen aber daran, dass sie dem Gegenpart, der die Order |
| 193 | zur Ausführung bringt (also dem jeweiligen Käufer bzw. |
| 194 | Verkäufer) eine höhere Transaktionsgebühr in Rechnung |
| 195 | stellen. [FN: Johannes Gomolka: Algorithmic Trading. Analyse |
| 196 | von computergesteuerten Prozessen im Wertpapierhandel unter |
| 197 | Verwendung der Multifaktorenregression. Potsdam: |
| 198 | Universitätsverlag Potsdam 2010, S. 162.] Dieses sogenannte |
| 199 | Maker-Taker-Modell ist mittlerweile in Europa ebenso üblich |
| 200 | wie in den USA. Außerdem verdienen die Börsen an der |
| 201 | Vermietung von sogenannten Co-Location-Spaces. Da der Erfolg |
| 202 | des HFT zunehmend von der Geschwindigkeit der |
| 203 | Datenübertragung abhängt, haben auf diesem Gebiet tätige |
| 204 | Handelsfirmen ein großes Interesse daran, räumlich so nahe |
| 205 | wie möglich an den Rechenzentren der Handelsplätze selbst |
| 206 | angesiedelt zu sein. Die Rede ist hier von der Latency |
| 207 | Arbitrage, also vom Vorteil, den Handelsfirmen allein |
| 208 | aufgrund ihrer besseren Datenleitung genießen. Der |
| 209 | Latenzvorteil, den die örtliche Nähe mit sich bringt, hat |
| 210 | rund um die Börsenplätze fußballfeldgroße Technikclustern |
| 211 | entstehen lassen. Die NYSE hat beispielsweise 2009 eine 120 |
| 212 | Quadratmeter große Colocation in New Jersey und eine weitere |
| 213 | bei London bauen lassen, zu Kosten von 500 Millionen Dollar. |
| 214 | [FN: The Wall Street Journal, 30. Juli 2009, |
| 215 | http://www.efinancialnews.com/story/2009-07-31/nyses-fast-tr |
| 216 | ade-hub-rises-up-in-new-jersey ] Diese Investitionen |
| 217 | rentieren sich offenbar aufgrund der Mieteinnahmen, die die |
| 218 | HFT-Firmen zu zahlen bereit sind. Die Miete rentiert sich |
| 219 | ihrerseits offenbar aufgrund der dadurch erlangten |
| 220 | Handelsvorteile. |
| 221 | |
| 222 | Nicht zuletzt aber verdienen die Börsen an proprietären |
| 223 | Datafeeds, die sie an die Betreiber der |
| 224 | Hochgeschwindigkeitsrechner verkaufen. [FN: |
| 225 | http://blog.themistrading.com/wp-content/uploads/2010/05/THE |
| 226 | MIS-Data-Theft-On-Wall-Street-05-11-10.pdf ] Hier bietet |
| 227 | sich ein Vergleich mit sozialen Netzwerken an: So wie |
| 228 | Facebook Nutzungsdaten der user sammelt, um sie an |
| 229 | Werbetreibende zu verkaufen, sammeln die Handelsplätze Daten |
| 230 | ihrer privaten und institutionellen Kunden und verkaufen sie |
| 231 | als „Direct Feed“ an die HFT-Firmen. In den USA heißen diese |
| 232 | direct feeds etwa BATS PITCH oder TotalView-ITCH, in |
| 233 | Deutschland gibt es den AlphaFlash („ultraschnelle |
| 234 | Wirtschaftsdaten und Ad-hoc-Nachrichten für |
| 235 | Algo-Trading-Applikationen“) [FN: |
| 236 | http://deutsche-boerse.com/dbag/dispatch/de/listcontent/gdb_ |
| 237 | navigation/mda/200_market_data/500_news_services/Content_Fil |
| 238 | es/news_services_products/mda_sp_alphaflash.htm ], den High |
| 239 | Performance Xetra Data Feed („all order book updates on an |
| 240 | un-netted basis as soon as they occur“ ) sowie verschiedene |
| 241 | andere Angebote. [FN: |
| 242 | http://deutsche-boerse.com/dbag/dispatch/en/binary/gdb_conte |
| 243 | nt_pool/imported_files/public_files/10_downloads/50_informat |
| 244 | ions_services/10_market_data_dissemination/11_information_pr |
| 245 | oducts/10_spot_market/CEF_ultra_+_Xetra.pdf] Der Vorteil von |
| 246 | direct data feeds besteht darin, Orderdaten und Volumina der |
| 247 | Aufträge von institutionellen und Kleinanlegern schon zu |
| 248 | kennen, bevor sie auf dem jeweiligen Marktplatz platziert |
| 249 | werden, um die eigene Tradingstrategie darauf ausrichten zu |
| 250 | können. Ähnlich wie bei Facebook werden bei den gängigen |
| 251 | feeds die Daten natürlich in anonymisierter Form verkauft, |
| 252 | jedoch so, dass sie von den Hochleistungsrechnern |
| 253 | automatisch ausgewertet werden können. So wird es möglich, |
| 254 | dass beispielsweise eine Kauforder, die eine Bank für einen |
| 255 | ihrer Privatkunden in das Handelssystem eingibt, noch vor |
| 256 | der Platzierung am Handelsplatz an einen HFT übermittelt |
| 257 | wird, der daraufhin ggf. in der oben beschriebenen Weise den |
| 258 | Preis hochtreiben und die Differenz als Gewinn verbuchen |
| 259 | kann. |
| 260 | |
| 261 | 65% der vom Mannheimer Zentrum für Europäische |
| 262 | Wirtschaftsforschung befragten Fachleute halten die |
| 263 | bisherige gesetzliche Regulierung des |
| 264 | Hochgeschwindigkeitshandels für unzureichend. [FN: ZEW |
| 265 | Finanzmarktreport 18. Jg. April 2010, S. 3.] Wie die obige |
| 266 | Beschreibung gezeigt hat, stellen die in der öffentlichen |
| 267 | Diskussion besonders präsenten Leerverkäufe nur ein |
| 268 | Teilproblem dar, und selbst dieses Teilproblem ist im |
| 269 | Wesentlichen ungelöst. So hat beispielsweise der deutsche |
| 270 | Gesetzgeber das Verbot von ungedeckten Leerverkäufen stark |
| 271 | beschränkt, nämlich auf deutsche Aktien und Staatstitel der |
| 272 | Eurozone sowie Kreditversicherungen auf Staatstitel der |
| 273 | Eurozone, die keinen Absicherungszwecken dienen, statt ein |
| 274 | umfassendes Verbot solcher Geschäfte zu beschließen. |
| 275 | |
| 276 | Dass die Stabilität der Aktienmärkte für die |
| 277 | Gesamtwirtschaft eines Landes wie der Weltwirtschaft von |
| 278 | entscheidender Bedeutung ist, zeigt sich beispielsweise an |
| 279 | den Versuchen, europäische Volkswirtschaften wie die |
| 280 | griechische durch sogenannte „Hilfspakete“ vor dem Bankrott |
| 281 | zu retten. Die Anfälligkeit der internationalen Finanzmärkte |
| 282 | für Kursstürze und Krisen hängt nicht zuletzt mit dem |
| 283 | mittlerweile extrem hohen Anteil des Algotradings am |
| 284 | Gesamthandelsvolumen zusammen. Durch High Frequency Trading |
| 285 | entsteht die Illusion eines stabilen, gesunden, da mit |
| 286 | genügend flüssigen Geldmitteln ausgestatteten Kapitalmarkts. |
| 287 | Tatsächlich hat sich jedoch gezeigt, dass gerade High |
| 288 | Frequency Trader dem Markt die Liquidität, die sie ihm zur |
| 289 | Verfügung stellen, jederzeit wieder entziehen, um ihre |
| 290 | Verluste zu begrenzen. Finanzkrisen haben insofern eine |
| 291 | Auswirkung auf die Wirtschaft, als die „Rettungsaktionen“ |
| 292 | nationaler Regierungen letztlich durch Steuergelder |
| 293 | gegenfinanziert werden müssen. Steigen jedoch die Steuern, |
| 294 | sinkt der Konsum, was wiederum das Wirtschaftswachstum |
| 295 | bremst. |
| 296 | |
| 297 | |
| 298 | Bitte beachten Sie auch |
| 299 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft und |
| 300 | 2.2.1 Auswirkung der Digitalisierung auf die Wirtschaft - |
| 301 | Teil 2 |
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